Von Zitronenlaub und Katzen – ein Inseltraum

Jeden Morgen fege ich die herabgefallenen Blütenblätter unter dem Zitronenbaum zusammen. Zarte weiße Flocken, grüne Blätter: Zitronenlaub. Oben in den Krone verstecken sich die letzten reifen Früchte und ein paar grüne Zitronen bereiten sich schon auf die nächste Ernte vor.

Zitronenlaub

Wie die meisten Athener, die im Zentrum leben, haben auch wir keinen Garten, aber einen kleinen Innenhof, der jetzt zum Mittelpunkt unseres Lebens geworden ist.

Grüne Zitronen

In der morgendlichen Kühle gieße ich die Tomaten, die Oma füttert unsere vielen Katzen, die Schwiegereltern trinken einen Balkon höher ihren Kaffee.

Von den Balkonen um uns herum erklingen die ersten Geräusche, Nachbarn hängen ihre Betten in die Wärme, wünschen sich Kalimera, und loben den Frühling, der uns endlich beschenkt. Die Sonne vertreibt die Schatten, Markisen werden heraus gekurbelt, es wird überlegt was man denn heute so kochen könnte, Wäsche flattert auf den Dachterassen im Wind.

Es klingeln die Lieferanten, die Hunde bellen laut, Hausfrauen lassen Leinen mit Haken vom Balkon, werfen Geld in Plastiktüten nach unten und ziehen die Beute des Tages nach oben.

Katzen machen es sich im Hof bequem, belagern Liegestühle und verziehen sich mit der Mittagssonne auf die Schattenplätze.

Katzeliege

Aus den Küchen riecht es nach Fett und Oregano, Kinder ziehen vor der Haustür auf der leeren Straße ewigen Kreise, bis die Mütter zum Essen rufen.

Basilikum

Danach wird griechischer Kaffee in kleine Tassen gefüllt, mit kandierte Früchten auf Tabletts drapiert und nach draußen getragen. Unter dem Schatten der Schirme werden die Beine hoch gelegt, die Augen geschlossen und die ungewöhnliche Ruhe genossen.

Katzenliege

Es sind sogar die Vögel zu hören, und die Luft ist plötzlich klar. Sogar die Bougainvillea steht schon jetzt in voller Blüte, und kann von Sonne nicht genug bekommen.

Man könnte doch fast auf einer griechischen Insel sein.

Bougainvilla

Gut, der Meerblick fehlt. Und die langen Wanderungen durch die Natur. Aber mit Sonnenuntergang drehe auch ich meine tägliche Runde, durch die nie endende Nachbarschaft. Sehe wie Menschen ihre Zitronenblüten vom Boden fegen, sehe wir Kinder auf Fahrrädern unendliche Kreise drehen und Katzen immer die besten Plätze finden.

Katzenbaum

Wenn dann in den Nächten der Jasmin seinen Duft im Hof verstreut, ich mich auf die Stufen vor unserem Haus setze, und die Augen schließe, kann ich mir ein Meer vorstellen, dass irgendwo in der Dunkelheit rauscht.

Die Fantasie ist meine treue Freundin.

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In Griechenland sind die Maßnahmen wegen Covid-19 noch immer streng und die Häuser dürfen nur verlassen werden, wenn eine SMS verschickt wird. Um zu vermeiden, dass sich das Virus auf die Inseln und in die Dörfer mit geringerer medizinischen Versorgung verbreitet, ist es untersagt zu Reisen. Auf die Inseln darf nur, wer dort gemeldet ist. Damit ist ein Großteil der griechischen Bevölkerung gezwungen in den Städten zu feiern – ohne Kirchgang, Prozessionen und den reichen Traditionen, die es eigentlich an Ostern gibt.

Hofpanorama

Es wird ein Ostern im Innenhof werden, in der Hoffnung, dass die Fantasie uns zum Inseltraum verhilft.

Vom Balkon aus

Von den Balkonen riecht es nach Bacalau, (Kabeljau) der am heutigen 25. März traditionell in Griechenland gegessen wird. Es ist der Nationalfeiertag und der Tag der Verkündung des Evangeliums. Es ist aber auch einfach nur ein weitere Tag in geschlossenen Wohnungen. Kein Frisörtermin am Tag vorher, keine Paraden auf den Straßen, kein Kirchgang am Morgen, kein Ausflug zu den Inseln, kein Fischessen in den Fischtavernen am Hafen.

Hundhütte

Sondern Bacalau mit Knoblauchsoße in der eigenen Küche braten, den Nachbarn vom Balkon aus „Alles Gute“ wünschen, sämtlichen Vangelis, Evangelias, Vickys per Telefon zum Namestag gratulieren, den Militärflugzeugen vom Balkon aus winken und den Kirchenglocken zuhören, die symbolisch aus den leeren Kirchen läuten.

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„Menoume Spiti“ (Wir bleiben zuhause) ist der Slogan in Griechenland, seit Montag ist eine offizielle Ausgangssperre verhängt, raus darf nur noch wer den Grund per SMS an eine Behörde schickt: 1. Arzt oder Apotheke, 2. Einkauf, 3. Bank, 4. Menschen helfen, 5. Hochzeit, Taufe oder Beerdigung oder 6. Gassigehen mit dem Hund oder Joggen.

Wir grüßen euch also vom Sofa aus, und wünschen „Chronia polla“, „viele Jahre“ und bleibt gesund!

Taubenbalkon

Der summende Baum

Die Landschaft ist in zurückhaltenden Tönen gemalt, als fehle noch die Sättigung in den Farben. Lässt man den Blick über die Täler und Berge schweifen, sieht man über die ganze Insel* verteilt zart rosa Tupfen. Es sind die Mandelbäume, die in den Tälern liegen und sich an Hügel schmiegen.

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Der Mandelbaum ist der Erste unter den Bäumen, der sich in ein Blütenkleid hüllt. Um ihn herum liegt die Landschaft noch im halben Winterschlaf, nur das Gras traut sich richtig grün zu sein, und andere Bäume recken noch ihre kahle Zweige in die Luft.

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Der Mandelbaum erblüht innerhalb weniger Tage, noch bevor das Grün der Blätter aus seinen Ästen sprießt. Und er erblüht in einer solchen Fülle, dass es mich jedes Jahr in andächtiges Staunen versetzt.

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Ich trete an den großen Mandelbaum heran, der direkt unter unserem Haus auf der Insel Andros steht. Ich höre ein lautes, geschäftiges Brummen und Summen: der Baum ist für Bienen und Hummeln zur Hauptattraktion geworden, sie sind in Scharen angereist, von den Hügeln herunter geflogen, haben sich von den Tälern aufgemacht und kriechen nun emsig in die unzähligen Blüten.

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Weht eine Brise, fallen die Blütenblätter wie Schnee auf die noch winterfeste Erde. In wenigen Tagen sind die Blütenblätter vom Wind über die ganze Insel getragen worden und das Grün hat sich den Platz zurück erobert. Doch da sind wir schon zurück in Athen. Uns bleibt allein die Erinnerung an das klingende, summende Kleid des Mandelbaums. Und die Freude auf den Frühling, der jetzt bald die ganze Landschaft ankleidet.

Chora

*Die Bilder sind mal wieder von der Insel Andros. Das letzte Bild zeigt die noch nicht ganz erwachte Natur vom Bergdorf Falika aus gesehen auf den Hauptort Chora. Die steinernen Mauern sind die traditionellen Wanderwege die sich über die Insel ziehen. Die Eindrücke von dem Wanderweg  von Falika nach Chora könnt ihr hier nachlesen.

Dasselbe Meer

Von der Insel aus blicke ich über das Meer. In Grau, in Blau, in Weiß, in Nebel, in Schwaden, in Wellen.

Horizont

Ich sehe zuerst einen Leuchtturm, einen Turm, wie sie an allen Inselküsten stehen. Wäre die Sicht gut, würde ich am Horizont Inseln sehen. Mit Leuchttürmen.

Leuchtturm

Wellen erreichen Felsen und zerschellen. Dieselben Wellen. Strudel spülen Sand vom Grund an Land. Denselben Grund.

Felsen

Würde ich meine Zehen ins Wasser halten, würde ich dieselbe Kälte spüren. Würde ich meine Hand über die Wellen halten, würde ich dieselben Wellen spüren.

Würde ich ins Wasser springen, würde ich in demselben Wasser schwimmen. Dasselbe Wasser würde mich umspülen, meinen Körper auskühlen, meine Kleider vollsaugen, meine Zehen taub werden lassen.

Gespült

Sand würde aufwirbeln, Salz würde sich auf meine Haut legen, Wellen würden mich bewegen, die Horizontlinie würde tanzen, ich würde untertauchen, auftauchen, den Leuchtturm sehen, einen Streifen Land, ich würde Wasser sehen.

Gischt

In Grau, in Blau, in Weiß, in Nebel, in Schwaden, in Wellen.

Würde ich jetzt hier ins Wasser springen:

Springen

Würde ich in demselben Wasser schwimmen, wie die, die darin starben, nur Tage zuvor. Und sterben werden wenn wir nicht etwas ändern.

Die Fotografien sind an der Küste der Insel Andros entstanden, mit Blick über die Ägäis hinüber zu den Inseln Samos, Chios und etwas nördlicher Lesbos.

Wenn eine Schnecke zur Anführerin wird

In der Metro sitzt mir ein kleiner Tiger gegenüber, seinen Schwanz auf dem Nebensitz abgelegt. Er betrachtet sein Spiegelbild in der Scheibe und schneidet eine Grimasse, als er meinen Blick bemerkt. An der Station Metaxourgio steigt er mit mir aus, auf der Rolltreppe gesellt sich ein Ritter mit bronzefarbenem Schild dazu. Am Tageslicht angelangt, tigern wir zusammen durch die Gassen. Ein Schwarm Quallen stößt aus einer Seitenstraße dazu.

Quallenschwarm

Wir halten die Ohren gespitzt, und plötzlich hören wir es aus der Ferne: Trommelschläge. Wir wissen, wir sind nah.

Die Maskierten schwingen die Schläger im Takt auf das Trommelfell, pfeifen und stampfen dazu. Hinter ihnen reiht sich eine Gruppe mit grellen Perücken, glitzernden Strümpfen und grotesken Masken. Der Tiger, der Ritter und ich reihen uns ein.

Trommler

Ganz vorne an der Spitze führt eine große Schnecke den Umzug an. Wie zum Appell für mehr Bedächtigkeit.

Schnecke

Sie schiebt sich durch Metaxourgios kleine Straßen, von Trommeln begleitet, immer weiter weg von den schimmernden Bars und Cafés. Sie führt uns durch Straßen, in denen wir nie waren, durch verlassene Grünflächen, welche die Bezeichnung „Park“ noch nie gehört haben. Immer weiter fort vom Zentrum, immer tiefer in die abgelegene Nachbarschaft, mit dem imposanten Namen „Kolonos“.

Geister

Inzwischen hat sich ein gewaltiger Zug gebildet, noch mehr Trommelgruppen in anderen Farben, mit schweren Glocken und Schellen sind dazugestoßen. Erst als wir auf eine breite Verkehrsstraße stoßen, erkennen wir, wie viele wir geworden sind. Unter einer Brücke entfaltet sich plötzlich die ganze dionysische Kraft der Menge: Die Trommeln hallen wider, farbiger Rauch erhellt das Dunkel, Geister rufen, die Masse stampft, tanzt und jubelt.

Schneckenrauch

Flatterschirm

Danach pflügen wir uns noch weiter hinein in die ahnungslose Nachbarschaft. Von den Balkonen schauen verwunderte Bewohner herunter, winken Indianerkindern zu, Omas lehnen sich auf ihren Fenster, wir winken zurück und werfen Luftschlangen.

Indianer

Die einzige Bäckerei auf der Strecke wird von Flamencotänzerinnen, Schafen und Piraten gestürmt. Es muss das Geschäft des Jahres gewesen sein.

Die Schnecke führt uns an Kirchen und Schulen, Apotheken und geschlossenen Gemüseläden vorbei, bis zu dem großen Park von Platons Akademie. Hier lässt sie sich Schnecke ins Gras fallen, die Sonne fällt dazu, der Rauch von einem improvisierten Souvlakiverkaufsstand weht herüber, Kinder quengeln und wer jetzt noch nicht erschöpft ist, tanzt im Reigen.

Kreistanz

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Die Veranstalter des jährlich stattfindenden, alternativen Karnevals von Metaxourgio haben sich entschieden, dieses Jahr die Route zu verändern: Raus aus dem inzwischen gentrifizierten Viertel Metaxourgio, hinein in eine recht unbekannte Nachbarschaft. Im ursprünglichen Sinne eines nachbarschaftlichen Karnevals.

Omas

Bei dem Umzug gibt es weder große Wägen, noch Funkenmariechen, keine Musik aus Boxen, oder politische Banner nur eine Schnecke, die auf Einkaufswägen geschoben wird, Trommelklänge und ein Schmetterling auf einer Fahne. Es fühlte sich an, als ob wir gemeinsam Athen neu erkunden und eine verschlafene Nachbarschaft freudig begrüßen.

Schmetterling

 

Sonne mit Zähnen

Der Himmel ist blau. Eine klare Botschaft, alle Wolken sind sorgfältig aussortiert, aufgesammelt worden, weggefegt. Wohin bloß immer?

Wir sehen nur blau, wenn wir Sonntagmorgens die Vorhänge aufziehen, wenn wir die Federbetten zum Lüften in den Hof hängen, wenn wir dann die Erde der Blumentöpfe befühlen, ob sie sich nach Wasser sehnen.

Die Oma, langjährige Athener Wetterexpertin betritt den Hof: Sie zieht das Fliegengitter hinter sich zu, schlüpft von gefütterten Hauspantoffeln in ihre Hofpantoffeln. Gibt einen flüchtigen Blick frei auf ihre Feinstrümpfe, die sich über die Zehen spannen. Dann tritt sie in die frühe Sonntagssonne, blickt nach oben und sagt: „Sonne mit Zähnen“.

So werden die Tage im Winter genannt, die wie Sommer aussehen, aber heimlich noch Winter sind, sobald man an das Haus verlässt.

SonnenzaehneAn einem Tag mit Sonne mit Zähnen gehe ich gern am Athener Strand spazieren. Das Licht ist silberner als in den Sommertagen, und noch liegen die Cafés und Bars in tiefem Winterschlaf.

KaktusbarNur der „Winterschwimmclub“ hat geöffnet, Menschen mit ledriger Sonnenhaut sitzen auf den weißen Plastikstühlen. Über den leeren Strand hallt das Pik Pok der Raketa* spieler, die ihren Club einen Ecke weiter haben.

WinterschwimmerWinterschwimmclub

Ein einfacher Strandkiosk verkauft Toast mit Schinken und Käse und Kaffee, auf den Pfosten für die Sonnenschirme sitzen Tauben und warten auf Brotkrümel, während die Wintersonne mit ihren Zähnen ihren flachen Lauf beendet und bald im Wasser ertrinkt.

WintersonnenBucht

*Raketa wird das Ballspiel mit Holzschlägern und einem Tennisball genannt, das nicht einmal im Winter an einem griechischen Strand fehlen darf.

Verirrt im Big Bazaar

An Orten wie diesen steht die Zeit still. Oder ist es gar, dass sich die Zeiten überlagern? Ein Spiegeln in der Vergangenheit, lauschen von verklungenen Klängen.

Grammo-taxi

Ich verliere mich in geschliffenem Glas, einem Himmel aus Kronleuchtern.

Leuchter

Der Boden scheint zu schwanken, ein Meer aus Fäden windet sich unter mir,

FädenmeerPferd

mein Pferd bäumt sich, ich halte mich strauchelnd am Steuerrad fest

Stuerradund da sehe ich sie:

SieAnmutige Schönheit, reines Verlangen, Ausgewogenheit inmitten dieses Sturms.

Muse

Doch uns trennt eine unüberwindbare Mauer, aus erlesenen Büchern, die sich beängstigend vor uns türmen:

Bücher

alle Auswege sind mir verwehrt, über mir spiegelt sich nur ein Zipfel Himmelblau, zum Greifen zu weit.

Spiegel

Ich setze mich in ein Kafenion am Hafen, zerbreche mir den Kopf

SeemannIch werfe alles in eine Waagschale

Waagschale

flehe zu sämtlichen Göttern.

Gemälde

Die Zeit rennt, rinnt, gerinnt oder ist sie plötzlich stehen geblieben?

Uhren

Ich sehe mich im Spiegelbild, wie bin ich hier her gelangt? Was hat mir geträumt?

Selbstporträt

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Der Big Bazaar in der Athinas Straße, ist eines jener verwunschenen Plätze, die einen aufsaugen und träumen lassen.

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Hier findet man alles was man nie zu brauchen geglaubt hat, nur was man braucht findet man selten. Schmale Wege bahnen sich durch das Geschäft, durch die Fenster im Obergeschoss fällt das Licht in streifen und beleuchtet den Staubkörnertanz.

Bazaarbetrachter

Touristen, Träumer, Streuner finden sich hier alle angezogen von dem verblassten Schimmer Vergangenheit mitten im rauschenden Zentrum Athens.

Blogparade zum Thema „Wünsche“

Weil Wünsche in die Adventszeit passen, und weil mein letzter Beitrag zu den Wünschen der Griechen auf so viel Begeisterung getroffen hat, rufe ich zu meiner ersten Blogparade auf.

Bis 02. Januar 2020 könnt ihr alles über das Wünschen und eure Wünsche schreiben.

Die einen haben bei einer gefundenen Wimper einen Wunsch frei, die anderen schreiben Wunschzettel an den Weihnachtsmann. Gibt es Traditionen des Wünschens, die ihr zelebriert, oder Traditionen, die ihr auf Reisen miterleben durftet?

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Was wünscht man sich in anderen Kulturen? Gibt es Wünsche auf anderen Sprachen, die wir nicht kennen? Kennt ihr Geschichten von Wünschen, die in Erfüllung gegangen sind? Was wünscht ihr euch im neuen Jahr? Wie geht ihr mit Wünschen um?

Lasst uns teilhaben an euren Wunschgeschichten, vielleicht sind es auch Wunschbilder, Skulpturen, Fragmente, Bruchstücke, in der Form sei eure Fantasie grenzenlos.

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Verlinkt die Blogparade in eurem Artikel und teilt euren Beitrag dann hier unten in den Kommentaren als Link mit. Bis ins neue Jahr, zum 2. Januar 2020 könnt ihr teilnehmen, danach veröffentliche ich all eure Links zusammengefasst in einem Beitrag.

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***Werbung in eigener Sache***

Seit bald drei Jahren schreibe ich über meine Beobachtungen in Athen, nun möchte ich einen Schritt weiter gehen: Ich plane einen autobiografischen Dokumentarfilm über die Anziehungskraft Athens und über Menschen wie mich, die sich aller Vernunft zum Trotz entschieden haben hier zu leben.

Da für den Film noch die Kameratechnik fehlt, könnt ihr mich unterstützen, damit der Film in den Kasten kommt. Hier geht’s zu mehr Infos, Konzept und zum Crowdfunding.

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Die Bilder in diesem Beitrag sind in der Ausstellung der griechischen Künstlerin Grigoria Vryttia in der Kunstgalerie Meme in Athen entstanden.

 

Die Wünsche der Griechen

Wenn am 1. September die Menschen in Griechenland* mit dünnen Blusen und Sandalen an gebräunten Füßen zur Arbeit gehen, wenn die Klimaanlagen surren, wenn sich Touristen mit Sonnenbränden durch die Gassen schieben, wenn Katzen auf warmen Steinen im Schatten ausharren, dann wünschen sie alle „Kalo Chimona“. Das bedeutet „guten Winteranfang“.

NaxosFasade

Wo immer ich in den ersten Septembertagen hin gehe, wird mir freudig der Winteranfang gewünscht. Da mir noch Schweiß den Nacken hinunter rinnt, weiß ich nicht, ob diese Grußformel nicht hoffnungsvolles Wunschdenken ist – „auf dass der Winter bald komme und uns von der Hitze erlöse“. Vielleicht bin ich noch nicht griechisch genug geworden, um mich auf Regen und Kälte zu freuen, die jedoch sicher nicht schon im September kommen.

NaxosStaemme

Wenn ich den Frisörsalon verlasse, wünschen mir die Frisöre „me jasu“. Und wenn ich wenig später meine Freunde treffen, rufen diese „me jasu“. Und wenn ich Tag draufs zur Arbeit erscheine, sagen mir alle „me jasu“. Wenn ich mir ein neues Kleidungsstück kaufe, wünschen mir die Verkäufer „me jasu“. Was bedeuten diese Worte, die mir alle wünschen?

Übersetzt bedeutet es „mit Gesundheit für dich“ und es wird bei neuen Haarschnitten und dem Kauf neuer Dinge gewünscht. Ein Wunsch, den wir uns in der deutschen Sprache nur noch wünschen können.

Gleiches gilt für das Wort „Kalorisiko“ (καλοριζικο), ein Begriff, der sich nicht direkt übersetzen lässt, weil er in unserer Sprache schlicht fehlt. „Kalorisiko“ beglückwünscht zum Kauf von Anschaffungen, es wird dabei schon freudig im Geschäft gewünscht, und danach, wenn alle den neuen Kauf bestaunen.

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In Griechenland wünscht man sich viel, und weil ich das an dieser Kultur sehr wertschätze, habe ich nun alle Wünsche zusammengetragen, die mir bisher begegnet sind.

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Jede Woche beginnt mit einem Wunsch „kali ebdomada“ („Gute Woche“) und so auch jeder Monatsanfang: „kalo mina“. Diese Wunschformeln werden nicht nur von vereinzelten höflichen Menschen benutzt, sondern von fast allen denen man in diesen Tagen begegnet.

Der größte Wunsch in Griechenland scheint mir aber die Gesundheit (υγεία) zu sein. Schon die Begrüßung „Jasu“ oder „Jassas“ (γεια σου/σας!) beinhaltet den Wunsch nach Gesundheit für das Gegenüber. Oft wird der Wunsch nach Gesundheit sogar noch direkter ausgesprochen „Kai igia na exis“ (und Gesundheit sollst du haben).

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Es gibt auch Wünsche, die vielleicht die eine oder der andere schon Leid ist, wie der Wunsch „Kai sta dika sou“ („und auf die deine“). Ein Wunsch, der von Tanten und Verwandten jungen Unverheirateten gewünscht wird, und auf die Dringlichkeit der Hochzeit verweist. Der Wunsch geht meist einher mit „i ora i kali“ „die Zeit ist günstig“, also bitte ran halten.

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Wenn es dann soweit ist, wir dem Brautpaar „Hoch sollt ihr leben“ gewünscht „na sisete“ und poetischer „va siseste san ta psila bouna“ να ζησετε σαν τα ψηλα βουνα (auf das ihr wie die hohen Berge lebt). Natürlich wird hier auch schon einen Schritt weiter gewünscht: „Kai kalous apogonous“ „auf das ihr gute Kinder habt“.

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Und wenn dann nach dem griechischen Masterplan wenig später Nachwuchs unterwegs ist, wird mit Καλη λευτερια, „Kali leuteria“ beglückwünscht. Das bedeutet wörtlich übersetzt „gute Befreiung“, ein Wunsch der ursprünglich aus der Besatzungszeit stammt, aber hier eine neue Verwendung gewonnen hat. Für die Geburt wünscht man dann „me eva pono“ „mit nur einem Schmerz“.

Sind diese Wünsche nun alle in Erfüllung gegangen, wünscht man sich an jedem Geburtstag „alles Gute“, „chronja polla“, wörtlich übersetzt „viele Jahre“ oder noch besser: „Να τα χιλιασεις“ „auf dass du 1000 Jahre alt wirst“

Treppe

So geht der Weg eines griechischen Kindes dann weiter bis in die Schule, hier wird dann „Kali archi“ gewünscht, immer am Anfang eines jeden Schuljahres. Bis endlich der Abschluss bestanden ist, zu dem man dem jungen Menschen dann „kali stadiodroma“ „guten Kurs, guten Lebensweg“ gewünscht. Doch dieser führt bei den Jungen erst einmal zum Militär. Hat man dies auch erfolgreich hinter sich gebracht, wird einem dort „Kalos politis“ gewünscht, „auf dass er ein guter Bürger werde“.

Hier führt einem der Weg in die ersten Liebesabenteuer, zu denen einem die Freunde augenzwinkernd „Kalo boli“ wünschen, wörtlich übersetzt „guten Schuss“ und „kala na perasis“ „auf dass du eine gute Zeit verbringst“.

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So geht es dann durch die Jahreszeiten und Feste, man wünscht sich gute Sommer, und ab September dann wieder gute Winter, das Leben wird durchzogen von Wünschen, die einen begleiten.

Selbst die Wünsche am Ende des Lebens sind das Leben bejahend „Zoi se sas“ (ζωη σε σας) „Leben zu euch“ und „Na sisete na ton thimaste“ „Auf das ihr lange lebt, um euch an den Verstorbenen zu erinnern“.

Und hört man genau hin, was sich die Omas und Opas auf dem Friedhof wünschen, dann hört man sie sagen: „kalo paradiso“, „auf ein gutes Paradies“.

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Die Fotografien sind auf den Kykladen aufgenommen. Texte und weitere Fotografien zu den Inseln findet ihr hier (Naxos) und hier (Andros).

Bloglesung: Am 27. 12. 2019 werde ich in Deutschland (Heidenheim) sein und aus diesem Blog lesen. Ich würde mich unglaublich freuen, den einen oder die andere dabei kennenzulernen. Mehr Infos dazu hier.

*Der Einfachheit halber wird im gesamten Text die männliche Form verwendet; die weibliche Form ist selbstverständlich eingeschlossen.

In einem Himmelsspalt

Ich hatte Heimweh nach Herbst. Nach Tau am Morgen, nach süßlicher Luft, nach frischen Wind, und nach dem Wunsch sich auf ein warmes Zuhause zu freuen, nach einem Tag unter Wolken.

In Athen scheint die Sonne, und da es kein Laub zum buntwerden gibt, beschloss ich dorthin zu fahren, wo sich in Griechenland der Herbst versteckt. Mein Weg führt nach Evritania, in den Schwarzwald Griechenlands.

MikroChorio

Tannen. Tannen. Und Tannen. Berge, deren Gipfel von Wolken gefressen werden.

Statt Laub fallen Steinbrocken von den Berghängen. Die Temperatur ist mindestens zehn Grad kälter als in Athen, die Frische tut gut.

Hütte

Wir fahren durch Dörfer mit Häusern aus Stein, und Äpfeln an den Bäumen. Menschen sehen wir selten. Magere Kühe grasen an der Böschung, Ziegenherden haben sich ganz auf der Straße niedergelassen, der Hund putzt sich in aller Seelenruhe.

Ziegenherde

Kuh

Wir halten an, es erklingt kein Geräusch, außer dem Wind in den Bäumen. Bis auf die Asphaltstraße fehlt oft jedes Anzeichen von Zivilisation. Und die Denkmäler an die Besatzung sind oft die einzigen Stellen, die an das Vorhandensein der Menschheit erinnern.

DenkmalDenkmal an den ersten Kampf zwischen den griechischen Widerstandskämpfern und den Besetzungsmachte Italien, 1942

LurchiEin Feuersalamander kreuzt unseren Weg

Bis irgendwann malerische Dörfer auftauchen, mit Schildern von Ferienhäusern und kleinen Läden mit traditionellen Produkten. Wir haben „Megalo Chorio“ erreicht, ein touristisches Örtchen, das unter der Woche schläft, bis es am Wochenenden von großen Reisebussen aufgeweckt wird.

Megalo Chorio AMegalo chorio

Dann strömen die Menschen aus den hier genannten „Pullmanns“ (Reisebussen) in Scharen aus, schwirren in die Gassen, kaufen in Großpackungen Bergkäse, Bergkräuter und selbstgemachte Nudeln, trinken einen Kaffee auf der Terrasse mit Aussicht und wenn sie Glück haben, ist das Bergpanorama nicht von Wolken verhangen.

Souvenier

Dann schiebt sich der Bus weiter, zur eigentlichen touristischen Attraktion der Region: „Prousso“. Ich frage mich wirklich, wie die Busfahrer das meistern, denn schon für unser Auto wird es oft eng.

Steinbrocken

Die Straßen fallen steil ab, die Berge sind mit Netzen gestützt, und dennoch liegt die Straße voller Geröll, es fahren sogar mehrmals täglich Räumfahrzeuge, um die Steine zur Seite zu schieben. Inmitten dieser unwegsamen Landschaft, an Felsen gepresst, dem Abgrund schwindelerregend nahe, kann nur ein Kloster liegen. Der Glockenturm ragt auf einem einsamen Felsen aus dem Tal hervor, die Griechen sagen, wer bisher nicht an die Mutter Gottes geglaubt hat, tut das spätestens hier.

Klosterturm

Die gläubigen Griechen pilgern zu dem Kloster Proussos um die Ikone der heiligen Maria (Panagia tis Prousiotissas) zu küssen. Diese sei auf wundersame Weise von Kleinasien an diesem Ort erschienen und hat das Kloster zu einem der wichtigsten Pilgerorte in Griechenland gemacht. Touristen aus anderen Ländern verirren sich hier hin nie. vielleicht haben sie selbst einen Herbst zuhause? Oder küssen keine Madonnen?

KlosterkapelleDie Kapelle von Proussos

Hinter dem Ort Proussos führt ein Wanderweg in eine schmale Schlucht. Bäche durchziehen wie Adern die Täler, darüber spannen sich holzbrücken, Moos schmiegt sich an die Erde, und je höher wir kommen, desto felsiger wird es. Gepresste Steine in tausenden Schichten, aus denen wie ein Wunder noch Pflanzen sprießen. Der Himmel über mir nur noch ein Spalt, meine Brust wird eng.

SpaltBlick vom Felsvorsprung aus

Oben angekommen liegt plötzlich und unerwartet eine Höhle,  Eben in diesem Moment von der Sonne beschienen, die durch den Himmelsspalt hervor spickt. In den Felsvorsprung hineingebaut verbirgt sich eine Festung, die während der Besatzung genutzt wurde und deren Inneres in eine Höhle mündet. Nur durch abtrünnige Pfade zu erreichen, in schwindelerregender Höhe, umgeben von dichtem Gestein, mit Blick auf einen Spalt Himmel durch den sie Sonne ihre Strahlen schickt.

HöhleMavri Spilia (Schwarze Höhle)

Ich lasse mich sprachlos nieder.