Die Geschichte der drei Damen

Eine Plastiktüte in hellem Blau fegt über den Asphalt, treibt hoch, vom Wind verwirbelt. Sinkt ab, flattert in freudigen Knistern. Nichts was sie aufhält. Sie treibt frei, die Straße ein neues Spielfeld. Eine Katze schaut zu.

Die Wolken verhängen den Himmel Athens. Der Winter hat sich im April versteckt. Ein verwunschener Aprilscherz. Regen bestäubt die kalte Luft. Feiner Saharasand legt sich auf die Frühlingsblumen. Wind fegt ihn wieder fort.

Ich schleiche um meinen Block, die kleine Freiheit, die mir noch gewährt ist. Ich treffe mehr Katzen als Menschen. Menschen scheinen sich in Haustiere verwandelt zu haben. Plastiktüten sind zu fliegenden Vögeln geworden und die Katzen sind freier als je zuvor.

Da sehe ich sie. Die drei Damen. Stolz auf ihren runden Gesichtern. Stolz, für immer festgehalten zu werden, in stattlicher Frische, stolz verewigt in Lichtmalerei.

Ich sehe sie, sie schauen mich an. Einzige Menschenseelen, die mir auf diesem Streifzug begegnen.

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Die Dinge kommen am Ende immer anders als gedacht.

Wenn eine Schnecke zur Anführerin wird

In der Metro sitzt mir ein kleiner Tiger gegenüber, seinen Schwanz auf dem Nebensitz abgelegt. Er betrachtet sein Spiegelbild in der Scheibe und schneidet eine Grimasse, als er meinen Blick bemerkt. An der Station Metaxourgio steigt er mit mir aus, auf der Rolltreppe gesellt sich ein Ritter mit bronzefarbenem Schild dazu. Am Tageslicht angelangt, tigern wir zusammen durch die Gassen. Ein Schwarm Quallen stößt aus einer Seitenstraße dazu.

Quallenschwarm

Wir halten die Ohren gespitzt, und plötzlich hören wir es aus der Ferne: Trommelschläge. Wir wissen, wir sind nah.

Die Maskierten schwingen die Schläger im Takt auf das Trommelfell, pfeifen und stampfen dazu. Hinter ihnen reiht sich eine Gruppe mit grellen Perücken, glitzernden Strümpfen und grotesken Masken. Der Tiger, der Ritter und ich reihen uns ein.

Trommler

Ganz vorne an der Spitze führt eine große Schnecke den Umzug an. Wie zum Appell für mehr Bedächtigkeit.

Schnecke

Sie schiebt sich durch Metaxourgios kleine Straßen, von Trommeln begleitet, immer weiter weg von den schimmernden Bars und Cafés. Sie führt uns durch Straßen, in denen wir nie waren, durch verlassene Grünflächen, welche die Bezeichnung „Park“ noch nie gehört haben. Immer weiter fort vom Zentrum, immer tiefer in die abgelegene Nachbarschaft, mit dem imposanten Namen „Kolonos“.

Geister

Inzwischen hat sich ein gewaltiger Zug gebildet, noch mehr Trommelgruppen in anderen Farben, mit schweren Glocken und Schellen sind dazugestoßen. Erst als wir auf eine breite Verkehrsstraße stoßen, erkennen wir, wie viele wir geworden sind. Unter einer Brücke entfaltet sich plötzlich die ganze dionysische Kraft der Menge: Die Trommeln hallen wider, farbiger Rauch erhellt das Dunkel, Geister rufen, die Masse stampft, tanzt und jubelt.

Schneckenrauch

Flatterschirm

Danach pflügen wir uns noch weiter hinein in die ahnungslose Nachbarschaft. Von den Balkonen schauen verwunderte Bewohner herunter, winken Indianerkindern zu, Omas lehnen sich auf ihren Fenster, wir winken zurück und werfen Luftschlangen.

Indianer

Die einzige Bäckerei auf der Strecke wird von Flamencotänzerinnen, Schafen und Piraten gestürmt. Es muss das Geschäft des Jahres gewesen sein.

Die Schnecke führt uns an Kirchen und Schulen, Apotheken und geschlossenen Gemüseläden vorbei, bis zu dem großen Park von Platons Akademie. Hier lässt sie sich Schnecke ins Gras fallen, die Sonne fällt dazu, der Rauch von einem improvisierten Souvlakiverkaufsstand weht herüber, Kinder quengeln und wer jetzt noch nicht erschöpft ist, tanzt im Reigen.

Kreistanz

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Die Veranstalter des jährlich stattfindenden, alternativen Karnevals von Metaxourgio haben sich entschieden, dieses Jahr die Route zu verändern: Raus aus dem inzwischen gentrifizierten Viertel Metaxourgio, hinein in eine recht unbekannte Nachbarschaft. Im ursprünglichen Sinne eines nachbarschaftlichen Karnevals.

Omas

Bei dem Umzug gibt es weder große Wägen, noch Funkenmariechen, keine Musik aus Boxen, oder politische Banner nur eine Schnecke, die auf Einkaufswägen geschoben wird, Trommelklänge und ein Schmetterling auf einer Fahne. Es fühlte sich an, als ob wir gemeinsam Athen neu erkunden und eine verschlafene Nachbarschaft freudig begrüßen.

Schmetterling

 

Die grüne Linie – einmal quer durch Athen

In Athen kennen sie alle, die berühmt-berüchtigte „grüne Linie“ oder „Elektrikos“ genannt, die Straßenbahn, die den Süden Athens mit dem Norden verbindet. Hier ereignen sich tagtäglich Dramen und Komödien, hier finden sich die kuriosesten Gestalten zusammen, Musiker geben in Minikonzerten in Können zum Besten, Bettler leiern ihre Verse, und Fahrräder pressen sich ins letzte Abteil. Ein Blogbeitrag zu Ullis Blogparade „Alltag“.

AthenvonObenHier muss der Verkehr irgendwie durch

Eine kleine Reise quer durch Athen, von Piräus nach Kifisia, vom Meer in die Berge:

Hinter dem Hafen von Piräus warten die Waggons am Bahnsteig, ihre Haut lückenlos überzogen von Graffiti und Farbresten, nur die Fenster sind frei gekratzt, innen setzen sich die Schriftzüge weiter fort.

Piräus-grüne LinieHafen von Piräus

Mit einem kurzen Zischen öffnen sich die Türen, bereit ihre Ladung aufzunehmen. Braungebrannte Touristen, frisch erholt vom Inselurlaub, steigen in die Bahn, Sonnenmilchgeruch liegt in der Luft, Salzränder auf der Haut.

Attiki

Der Zug schiebt sich aus dem lärmenden Hafenort hinaus, durch die ruhigen Nachbarschaft Kallithea, vorbei an Wochenmärkten, an Fahrradwegen entlang. In Petralona steigen erste Bettler ein, jeder hat seinen Spruch, fasst in lauten kurzen Worten sein Leiden zusammen, zeigt geschundene Körperteile oder seinen griechischen Pass. Manche verkaufen Taschentücher oder Stifte mit einem Block.

A-Tunnel

Die Bahn nähert sich dem Zentrum, in Thissio steigen Touristen aus, um zur Akropolis zu schlendern, Straßenverkäufer zwängen sich mit kleinen Wägen ein, auf denen sie ihren Stand zusammengeschnürt transportieren. Es wird langsam richtig voll.

Ausgrabung

Die Bahn durchquert Ausgrabungen, auf denen sich Katzen putzen, fährt durch Tunnels, über denen Hütchenspieler tricksen, bis zum Monastiraki Platz, von dem Hakunamatata Rufe erklingen.

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In „Monastiraki“ beginnt das wirkliche Gedränge, viele Menschen wollten raus, noch mehr vollen rein. Verschwitzte Hände fassen an Haltestangen, Fahrräder verkeilen sich mit Kinderwägen, die Fenster werden aufgezogen, es riecht dennoch nach Mensch.

GewürzeMarkt zwischen Monastiraki und Omonia, hier fährt der Zug unterirdisch

An der unterirdischen Station „Omonia“ wird das Schauspiel in seiner ganzen Fülle dargestellt: Junkies murmeln mit halb offenen Augen und halten einen leeren Kaffeebecher für Kleingeld ausgestreckt, dazwischen gestikulieren amerikanische Touristen über den Stadtplan, ein Kind plärrt im Baggi, eine Frau verhandelt lautstark am Telefon mit dem Vermieter, daneben knutscht ein Pärchen, ein Opa sucht einen und der Rest wischt und tippt mit Kopfhörern im Ohr an den Handys herum.

UmstiegUmstieg an der Station Attiki

In Viktoria und Agios Nikolaus wird es bunt, Geflüchtete steigen ein und aus, neue Sprachen werden in Handys gerufen, ab Ano Patisia wird es leerer.

Nun kommen die Musiker zum Zug: Gitarristen mit gehäkelten Säckchen am Gitarrenhals schmettern lauthals Schlager, Akkordeonisten spielen Tango, und eine Gypsyband trägt sogar einen Kontrabass mit sich herum.

MoosbodenEirini, Peace and Friendship Stadion

Das Olympiastadion lädt Fahrräder zum Rundendrehen ein, die Waggons werden leerer, und leerer, je weiter sich der Zug in den Norden bewegt. „Epomeni Stasi – next stop“ erklingt aus den Lautsprechern, der Zug ist nun schon seit 24 Stationen unterwegs, wenn es schnell geht, dann sind bis dahin 50 Minuten vergangen. In Kifisia ist die Endstation, hier ist es nun grün und bergig, philippinische Hausangestellte steigen aus, kaufen vielleicht noch was im biologischen Delikatessen Markt, der direkt hinter der Station wartet. Sicherheitsbeamte weisen mich darauf hin, dass das Fotografieren an Stationen nicht gestattet ist.

palmenEirini

Nach einer kurzen Pause fährt der Zug wieder zurück zum Meer.

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Danke an Ulli, die vor einem Jahr diese schöne Idee der monatlichen Blogparade zum Thema „Alltag“ hatte. Die grüne Linie ist fester Bestandteil meines Alltags hier in Athen geworden.

Eine schöne Ergänzung sind sicherlich Gerdas Berichte über die Kunstwerke an den Metrostationen, wie zum Beispiel in Omonia. Aber auch die Zeichnungen, die Gerda in der Metro angefertigt hat.

Gleise

Wenn die Unsichtbaren sichtbar werden

Wenn sich die Straßen Athens in der Hitze leeren, werden die Unsichtbaren sichtbar. Sie treten hervor, aus der nun verschwunden Masse. Ihre Blicke sind zu Boden gerichtet, als gehöre ihnen der Anblick darüber nicht, als gehöre ihnen die Luft darüber nicht. Ihre dunkle Kleidung ist Teil ihrer Körpers geworden. Zurückgelassene des Sommers.

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Jetzt, da alle mit Geld oder Glück ans Meer gefahren sind, bleiben nur die übrig, die weder Geld noch Glück haben.

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In den leeren Straßen, kommen ihre Lagerstätten zum Vorschein. Ihre wenigen Habseligkeiten gebündelt, in einer Gassenecke ein Zuhause improvisiert. Ein mit unerwarteter Sorgfalt geordnete Betten auf Karton, darüber gefaltet zerschlissenen Decken. Schuhe ordentlich am Fußende angeordnet, daneben Bücher und Flaschen mit Wasser.

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Rücken an Hauswände gelehnt, Schweiß perlt, nackte Waden auf den Asphalt gestreckt, ein Pappbecher mit einzelnen Münzen an berühren Fußspitzen.

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An Platias mit stolzen Namen tummeln sich die Übriggebliebenen: Bei Viktoria sitzen Menschen auf roten Bänken, Hände in den Schoß gelegt, eingehüllt in ein Sprachgewirr aus Arabisch, Farsi, Urdu, Griechisch, Englisch. Kinder sausen auf alten Rollern darum herum, Sonnenblumenkerne fallen zu Boden, Schatten fallen darüber, in die sich die Menschen dankbar legen.

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Im Schutz belebter Straßen wird Nachts wird die Kühle genossen, Decken werden ausgerollt, verlassene Hauseingänge werden zum neuen Zuhause, vor dem Einschlafen wird im Laternenlicht noch Zeitung gelesen.

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Metallsammler mit ihren Familien bereiten sich auf Pick-up Ladeflächen auf die Nachtruhe vor. Auf dem Wäscheständer davor trocknen Kindersachen neben BHs und Unterhosen. An der Rückwand der Fahrerkabine hängt ein ausgeschalteter Flachbildschirm.

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Ein Papiersammler lehnt an seinen eisernen Wagen voll gesammelter Kartons, streckt die angeschwollenen Beine von sich, nimmt einen großen Schluck Wasser und schließt die Augen.

Eine andere Frau mit kurzen grauen Haaren legt sich wie jede Nacht auf die Bank an der Bushaltestelle. Als Kissen dient die Tasche mit den Habseligkeiten, der Rollkoffer steht am Kopfende.

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Seit ich hier lebe sehe ich die Frau mit den kurzen grauen Haaren an diesem Ort, immer mit der Nacht auftauchend, immer mit der Morgensonne verschwindend. In diesen Tagen schläft sie in einem weißen Unterhemd und einer kurzen Hose, eine Decke braucht man selbst draußen nicht.

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Auch wenn die Unsichtbaren sich im öffentlichen Raum bewegen, habe ich mich entschieden die Privatsphäre der Menschen zu respektieren. Die Fotografien sind in meinem Stadtviertel aufgenommen und digital bearbeitet.

Der Artikel macht mit bei der Blogparade von Lydia zum Thema Respekt:
https://lydiaswelt.com/2019/08/27/aufruf-zur-blogparade-zum-thema-respekt/

Wie ich dem Augenblick begegne

Kleinode, die man im Vorübergehen streift. Wer wach ist, schnappt sie auf, wer woanders träumt, an dem ziehen sie spurlos vorüber. Wer genau hinsieht, der entdeckt darin selbst den Traum.

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Kinder, die mit offenen Augen Träumen und deren Blick sich scheinbar noch nicht an diese Welt gewöhnt hat.

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Momente, an denen für kurz die Zeit stehen geblieben ist und ich sie nun für immer anhalte. Ewige Momente, verewigt in einem rechteckigen Bild.

Treppenkinder

Es kostet mich jedes Mal aufs neue Überwindung die Gegenwart einzufangen. Zwischen mich und das Geschehen einen Apparat zu setzen, mich selbst außen vor zu bringen und den Traum in einen Kasten zu zwingen.

Baggy Opa

Es sind viele Momente vergangen, an denen ich mich entschloss, den traumhaften Augenblick nicht festzuhalten, meine Geräte in ihren Taschen zu lassen, nicht auf den Auslöser zu drücken, nicht abzuzielen und kein neues Bild in die Ewigkeit zu setzen.

Evas Baum

Sondern einzuatmen und wieder auszuatmen, wach alles aufzusaugend, um es danach der Vergesslichkeit auszuliefern.

Manchmal war aber die Verlockung zu groß, ein Verlangen das Traumhafte zu besitzen, es aus der Gegenwart zu entwenden, es wieder und wieder ansehen zu können und es zu sagen, da, schaut her, hier bin ich gewesen, das habe ich gesehen, so war es. Schaut es euch alle an.

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