Von Farbflüssen und Lichtermeeren über Athen

Die Stadt ist im Farbrausch. Über den Straßen schwimmen Lichterflüsse. Die Hauswände wechseln ihr Gesicht im Minutentakt, mal erröten sie, mal verblassen sie, um dann in aller Farbpracht zu erstrahlen.

city link

Sie scheinen einander übertreffen zu wollen, manche haben sich vollständig in Licht und Farbe gehüllt, manche haben sich sogar als Geschenk verkleidet.

public

Die Rücklichter der im Stau stehenden Autos mischen sich mit dem Rot der Laternen und Lichterketten, die Ampeln sind plötzlich Teil der Symphonie, sowie es auch das Hupen ungeduldiger Autos.

Rotekette

Staebe Lila

staebe grün

Am Syntagmaplatz verflüssigen sich die Farben, ergießen sich ins Wasser, sprudeln und spritzen, ein buntes Farbbad, dass Passanten zu Selfies ermuntert.

fontaene rot

fontaene blau

Der Geruch von gerösteten Kastanien mischt sich mit dem weihnachtlichen Trällern aus den Lautsprechern, Losverkäufer preisen Millionengewinne an, und vor der Metro versucht ein Mensch buntes, in Ballons gefangenes Licht zu verkaufen.

Lichtverkäufer

Die Bewohner und Besucher der Stadt strömen durch leuchtenden Ketten hindurch, wandeln um den gigantischen Baum herum, und werden in die Einkaufsstaßen hinein gesogen.

Bank

An allen drei Sonntagen vor Weihnachten sind in Athen die Geschäfte geöffnet, und so tragen die Menschen Tüten und Taschen die Rolltreppen hinunter, in die vollen Metros hinein, bis vor ihre Haustüren.

syntagma lichtermeer

An manchen Fenstern steht ein schlicht beleuchtetes Schiff – eine alte griechische Tradition, um den Seefahrern an Weihnachten den Weg nach Hause zu leuchten.

schiffAuch bei mir steht ein Schiff am Fenster, in der Hoffnung, dass mein Lieblingsmensch auf dem Weg durch das Lichtergewimmel nicht verirrt.

*****************************

Für alle, die mich noch bei meinem Dokumentarfilm unterstützen wollen, kommt ihr hier zu der Crowdfunding Kampagne und könnt schon einen ersten Trailer sehen. Bis zum 12.01. 2020 ist die Aktion noch aktiv, ich freue mich über jeden kleinen Beitrag.

Vom blauen Papagei auf einer Insel

Im Herzen Athens liegt Metaxourgio, ein Stadtteil, der in sich zerfällt und genau daraus Neues entsteht. Ein Stadtteil, dessen Gegensätze krassen nicht sein könnten: Vom Rotlichtmilieu, Fixer Treffpunkt, zu Chinatown, dazwischen Inseln für Paradiesvögel aus aller Welt und Airbnbsuiten mit Akropolisblick.

Leserin

In den schmalen Straßen des Viertels haben die Häuser offenstehende Türen, über denen nackte Glühbirnen mit rötlichem Licht hängen. Vereinzelte Lichtpfeile, „Welcome Schilder“ oder blinkende Herzen weisen den Weg in die kahlen Flure, in die mein Blick im Vorbeigehen fällt und aus denen mit gesenktem Blick Gestalten ins Freie treten.

astibi

An den Hausecken bildet Urin im schwarzen Dreck Rinnsale, der auf die Gehsteige läuft, so dass die Passanten auf die Straße wechseln. Neoklassische Villen zerfallen vor sich hin, die Fenster mit Brettern verriegelt, davor setzen sich Junkies die Nadel. An manchen Tagen fahren Hilfsorganisationen vor, die anbieten alte gegen neue Nadeln zu tauschen, manchmal hält ein mobiler Waschsalon, in dem Obdachlose ihre Kleidung waschen und trocknen können.

Lagerstätte

Und dann taucht plötzlich, nur eine Abzweigung weiter, wie eine Insel die Platia Avdi auf:

avdi

Papagei

Türkis und gelb bemalte Stühle, Lichterketten in den Bäumen, der Geruch von frisch geröstetem Kaffee. Kellner mit geblümten Schürzen jonglieren Tabletts, auf denen bunte Getränke in hohen Gläsern schaukeln.

Kellnerin

„Blé Papagalos“, der blaue Papagei bildet das Herz der Platia: eine stilvoll eingerichtete Café – Bar, die sich über den Platz erstreckt. In der Zwischenzeit haben sich noch andere Bars und Restaurants auf dem Platz etabliert, sodass eine bunte Ausgehinsel entstanden ist. Im Sommer werden Filme an die Wände projektiert, Kinderwägen geschaukelt und Hunde von der Leine gelassen, im Winter erfreut man sich an Glühwein, obwohl selbst dafür eigentlich zu warm ist.

Platia_Metax

Es schallen Gelächter und Gläserklingen über den großen Platz, Mopeds säumen den Weg, dahinter prangen Grafitos der großen Meister von Athen.

Ino

Metaxourgio ist aber nicht nur Rotlichtmilieu, Fixertreffpunkt und Hipsterparadies: Schaut man sich um, fallen einem schnell die weißen Transporter und Vans auf, die alle vollkommen mit Graffitis überzogen sind und sich tarnen wie Chamäleons durch ihre vollständige Bemalung.

Vans

Sie parken vor unscheinbaren Läden mit chinesischen Schriftzügen, die vielversprechende Namen tragen: „JIN YAN Fashion Trade Company“ „Dazhong Imp Exp Trading & Co“.

Laster

Athens Chinatown liegt hier versteckt, mit chinesischen Bekleidungsgeschäften, die nur an Großhandel verkaufen, dazwischen vereinzelte asiatische Lebensmittelläden, in denen ich manchmal herum stöbere, fasziniert von der kulinarischen Parallelwelt.

An den Wochenenden stehen ganze Container vor den chinesischen Modegeschäften. Mit Sackkarren werden große Pakete aus dem Container ins Ladeninnere verfrachtet, und als ich das Schauspiel fotografierte, wurde ich harsch zurecht gewiesen, dass dies hier nicht erlaubt ist.

Ladung

Ich wende mich weiter in eine Richtung, in der Fotografieren erwünscht ist: Hotels, frisch sanierte Wohnungen und kühne Bauprojekte, die auf die vielversprechende Zukunft des Viertels warten.

Blöcke

zerfall

Metaxourgio ist sicher ein Ort im Wandel, voller Gegensätze und spannenden Orten, die es zu entdecken gilt. Alle Fotografien aus diesem Beitrag wurden in einem Umkreis von 500 m aufgenommen, alle in den Straßen um die Platia Avdi.

*******************************************************

Werbung in eigener Sache:

An alle, die mich unterstützen möchten, einen Dokumentarfilm zu drehen, der die magnetische Anziehungskraft Athens auf Menschen wie mich erforscht, kommt hier zur Crowdfunding Kampagne.

Wer Lust hat bei der Blogparade zum Thema „Wünsche“ mitzumachen, kommt hier zum Aufruf.

Am 27. 12. bin ich in der „Halben Treppe“ in Heidenheim zu einer Bloglesung eingeladen, zu mehr Infos kommt ihr hier.

Magnetisches Athen – Ein Dokumentarfilm sucht den Hype

Ist Berlin das neue Athen?

Seit fast drei Jahren lebe ich nun schon in Athen, die Zeit ist wie im Flug vergangen. Seit drei Jahren teile ich meine Beobachtungen mit euch und freue mich an euren Kommentaren und eurem wertvollen Feedback.

Ich weite meine Beobachtungen in Athen nun aus, und nehme euch mit! Aus Fotografien sollen bewegte Bilder werden, aus den Texten gesprochene Sprache. Auch andere Menschen werden zu Wort kommen.

Häusermeer

Ich gehe der Frage nach, warum ich mich entschieden habe in dieser Stadt zu leben. Was hat mich wie magnetisch angezogen? Was hält mich aller Vernunft zum Trotz hier?

Was hält all die anderen Menschen hier, die sich in den letzten Jahren trotz der Krise aufgemacht haben, um in Athen zu leben?

Ich plane einen Dokumentarfilm, der sich auf die Suche nach dieser Anziehungskraft begibt, der dem Hype nachspürt, der auf die entgegengesetzte Migrationsbewegung schaut.

Was suchen wir hier? Warum wird Athen das neue Berlin genannt? Was wurde aus der Krise? Wie verändert sich die Stadt?

Aussicht Lyka

Ihr könnt mich unterstützen, wie ihr mich auch schon in den Vergangenheit unterstützt habt, durch eure anerkennenden Kommentare, die mich immer wieder ermutigt haben weiter zu schreiben. Euch ist es letzten Endes auch zu verdanken, dass ich mich nun traue, noch einen Schritt weiter zu gehen.

Ihr könnt mich bei der Idee begleiten, mit aufbauender Zuversicht, Interesse und Anregungen.

Wenn die eine oder der andere möchte, könnt ihr mich auch finanziell unterstützen, damit der Film in guter Qualität in den Kasten kommt.

Ich habe eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, in der ihr mich schon mit 10 Euro unterstützen könnt und dafür ein kleines Dankeschön bekommt.

Hier kommt ihr zu der Kampagne und könnt schon ein erstes Video der Projektidee sehen.

Himmelsweg

Ab dem 10. Dezember bis zum 12. Januar versuche ich 1000 Euro Spenden zu sammeln, wird das Ziel nicht erreicht, bekommt jeder Spender und jede Spenderin den jeweils gespendeten Betrag wieder zurück.

Teilt diesen Aufruf gern mit Freunden und Freundinnen, die Lust haben eine bunte und unabhängige Berichterstattung zu unterstützen.

Der Blog wird natürlich weiterhin bestehen, und ich werde euch ab jetzt auch teilhaben lassen an der Entwicklung für den Dokumentarfilm.

Ich freue mich schon, euch Athen in bewegten Bildern zu zeigen, euch zu neuen Orten in der Stadt zu entführen, und das Athenmosaik mit neuer Form zu füllen.

Blogparade zum Thema „Wünsche“

Weil Wünsche in die Adventszeit passen, und weil mein letzter Beitrag zu den Wünschen der Griechen auf so viel Begeisterung getroffen hat, rufe ich zu meiner ersten Blogparade auf.

Bis 02. Januar 2020 könnt ihr alles über das Wünschen und eure Wünsche schreiben.

Die einen haben bei einer gefundenen Wimper einen Wunsch frei, die anderen schreiben Wunschzettel an den Weihnachtsmann. Gibt es Traditionen des Wünschens, die ihr zelebriert, oder Traditionen, die ihr auf Reisen miterleben durftet?

vr-face

Was wünscht man sich in anderen Kulturen? Gibt es Wünsche auf anderen Sprachen, die wir nicht kennen? Kennt ihr Geschichten von Wünschen, die in Erfüllung gegangen sind? Was wünscht ihr euch im neuen Jahr? Wie geht ihr mit Wünschen um?

Lasst uns teilhaben an euren Wunschgeschichten, vielleicht sind es auch Wunschbilder, Skulpturen, Fragmente, Bruchstücke, in der Form sei eure Fantasie grenzenlos.

vr_zelt

Verlinkt die Blogparade in eurem Artikel und teilt euren Beitrag dann hier unten in den Kommentaren als Link mit. Bis ins neue Jahr, zum 2. Januar 2020 könnt ihr teilnehmen, danach veröffentliche ich all eure Links zusammengefasst in einem Beitrag.

vr_ghost

***Werbung in eigener Sache***

Seit bald drei Jahren schreibe ich über meine Beobachtungen in Athen, nun möchte ich einen Schritt weiter gehen: Ich plane einen autobiografischen Dokumentarfilm über die Anziehungskraft Athens und über Menschen wie mich, die sich aller Vernunft zum Trotz entschieden haben hier zu leben.

Da für den Film noch die Kameratechnik fehlt, könnt ihr mich unterstützen, damit der Film in den Kasten kommt. Hier geht’s zu mehr Infos, Konzept und zum Crowdfunding.

vr_sleep

Die Bilder in diesem Beitrag sind in der Ausstellung der griechischen Künstlerin Grigoria Vryttia in der Kunstgalerie Meme in Athen entstanden.

 

Die grüne Linie – einmal quer durch Athen

In Athen kennen sie alle, die berühmt-berüchtigte „grüne Linie“ oder „Elektrikos“ genannt, die Straßenbahn, die den Süden Athens mit dem Norden verbindet. Hier ereignen sich tagtäglich Dramen und Komödien, hier finden sich die kuriosesten Gestalten zusammen, Musiker geben in Minikonzerten in Können zum Besten, Bettler leiern ihre Verse, und Fahrräder pressen sich ins letzte Abteil. Ein Blogbeitrag zu Ullis Blogparade „Alltag“.

AthenvonObenHier muss der Verkehr irgendwie durch

Eine kleine Reise quer durch Athen, von Piräus nach Kifisia, vom Meer in die Berge:

Hinter dem Hafen von Piräus warten die Waggons am Bahnsteig, ihre Haut lückenlos überzogen von Graffiti und Farbresten, nur die Fenster sind frei gekratzt, innen setzen sich die Schriftzüge weiter fort.

Piräus-grüne LinieHafen von Piräus

Mit einem kurzen Zischen öffnen sich die Türen, bereit ihre Ladung aufzunehmen. Braungebrannte Touristen, frisch erholt vom Inselurlaub, steigen in die Bahn, Sonnenmilchgeruch liegt in der Luft, Salzränder auf der Haut.

Attiki

Der Zug schiebt sich aus dem lärmenden Hafenort hinaus, durch die ruhigen Nachbarschaft Kallithea, vorbei an Wochenmärkten, an Fahrradwegen entlang. In Petralona steigen erste Bettler ein, jeder hat seinen Spruch, fasst in lauten kurzen Worten sein Leiden zusammen, zeigt geschundene Körperteile oder seinen griechischen Pass. Manche verkaufen Taschentücher oder Stifte mit einem Block.

A-Tunnel

Die Bahn nähert sich dem Zentrum, in Thissio steigen Touristen aus, um zur Akropolis zu schlendern, Straßenverkäufer zwängen sich mit kleinen Wägen ein, auf denen sie ihren Stand zusammengeschnürt transportieren. Es wird langsam richtig voll.

Ausgrabung

Die Bahn durchquert Ausgrabungen, auf denen sich Katzen putzen, fährt durch Tunnels, über denen Hütchenspieler tricksen, bis zum Monastiraki Platz, von dem Hakunamatata Rufe erklingen.

Grünelinie2

In „Monastiraki“ beginnt das wirkliche Gedränge, viele Menschen wollten raus, noch mehr vollen rein. Verschwitzte Hände fassen an Haltestangen, Fahrräder verkeilen sich mit Kinderwägen, die Fenster werden aufgezogen, es riecht dennoch nach Mensch.

GewürzeMarkt zwischen Monastiraki und Omonia, hier fährt der Zug unterirdisch

An der unterirdischen Station „Omonia“ wird das Schauspiel in seiner ganzen Fülle dargestellt: Junkies murmeln mit halb offenen Augen und halten einen leeren Kaffeebecher für Kleingeld ausgestreckt, dazwischen gestikulieren amerikanische Touristen über den Stadtplan, ein Kind plärrt im Baggi, eine Frau verhandelt lautstark am Telefon mit dem Vermieter, daneben knutscht ein Pärchen, ein Opa sucht einen und der Rest wischt und tippt mit Kopfhörern im Ohr an den Handys herum.

UmstiegUmstieg an der Station Attiki

In Viktoria und Agios Nikolaus wird es bunt, Geflüchtete steigen ein und aus, neue Sprachen werden in Handys gerufen, ab Ano Patisia wird es leerer.

Nun kommen die Musiker zum Zug: Gitarristen mit gehäkelten Säckchen am Gitarrenhals schmettern lauthals Schlager, Akkordeonisten spielen Tango, und eine Gypsyband trägt sogar einen Kontrabass mit sich herum.

MoosbodenEirini, Peace and Friendship Stadion

Das Olympiastadion lädt Fahrräder zum Rundendrehen ein, die Waggons werden leerer, und leerer, je weiter sich der Zug in den Norden bewegt. „Epomeni Stasi – next stop“ erklingt aus den Lautsprechern, der Zug ist nun schon seit 24 Stationen unterwegs, wenn es schnell geht, dann sind bis dahin 50 Minuten vergangen. In Kifisia ist die Endstation, hier ist es nun grün und bergig, philippinische Hausangestellte steigen aus, kaufen vielleicht noch was im biologischen Delikatessen Markt, der direkt hinter der Station wartet. Sicherheitsbeamte weisen mich darauf hin, dass das Fotografieren an Stationen nicht gestattet ist.

palmenEirini

Nach einer kurzen Pause fährt der Zug wieder zurück zum Meer.

*****************************

Danke an Ulli, die vor einem Jahr diese schöne Idee der monatlichen Blogparade zum Thema „Alltag“ hatte. Die grüne Linie ist fester Bestandteil meines Alltags hier in Athen geworden.

Eine schöne Ergänzung sind sicherlich Gerdas Berichte über die Kunstwerke an den Metrostationen, wie zum Beispiel in Omonia. Aber auch die Zeichnungen, die Gerda in der Metro angefertigt hat.

Gleise

Wenn die Unsichtbaren sichtbar werden

Wenn sich die Straßen Athens in der Hitze leeren, werden die Unsichtbaren sichtbar. Sie treten hervor, aus der nun verschwunden Masse. Ihre Blicke sind zu Boden gerichtet, als gehöre ihnen der Anblick darüber nicht, als gehöre ihnen die Luft darüber nicht. Ihre dunkle Kleidung ist Teil ihrer Körpers geworden. Zurückgelassene des Sommers.

Unsichtbar1

Jetzt, da alle mit Geld oder Glück ans Meer gefahren sind, bleiben nur die übrig, die weder Geld noch Glück haben.

Unsichtbar4

In den leeren Straßen, kommen ihre Lagerstätten zum Vorschein. Ihre wenigen Habseligkeiten gebündelt, in einer Gassenecke ein Zuhause improvisiert. Ein mit unerwarteter Sorgfalt geordnete Betten auf Karton, darüber gefaltet zerschlissenen Decken. Schuhe ordentlich am Fußende angeordnet, daneben Bücher und Flaschen mit Wasser.

Unsichtbar9

Rücken an Hauswände gelehnt, Schweiß perlt, nackte Waden auf den Asphalt gestreckt, ein Pappbecher mit einzelnen Münzen an berühren Fußspitzen.

Unsichtbar6

An Platias mit stolzen Namen tummeln sich die Übriggebliebenen: Bei Viktoria sitzen Menschen auf roten Bänken, Hände in den Schoß gelegt, eingehüllt in ein Sprachgewirr aus Arabisch, Farsi, Urdu, Griechisch, Englisch. Kinder sausen auf alten Rollern darum herum, Sonnenblumenkerne fallen zu Boden, Schatten fallen darüber, in die sich die Menschen dankbar legen.

unsichtbar8

Im Schutz belebter Straßen wird Nachts wird die Kühle genossen, Decken werden ausgerollt, verlassene Hauseingänge werden zum neuen Zuhause, vor dem Einschlafen wird im Laternenlicht noch Zeitung gelesen.

Unsichtbar7

Metallsammler mit ihren Familien bereiten sich auf Pick-up Ladeflächen auf die Nachtruhe vor. Auf dem Wäscheständer davor trocknen Kindersachen neben BHs und Unterhosen. An der Rückwand der Fahrerkabine hängt ein ausgeschalteter Flachbildschirm.

Unsichtbar5

Ein Papiersammler lehnt an seinen eisernen Wagen voll gesammelter Kartons, streckt die angeschwollenen Beine von sich, nimmt einen großen Schluck Wasser und schließt die Augen.

Eine andere Frau mit kurzen grauen Haaren legt sich wie jede Nacht auf die Bank an der Bushaltestelle. Als Kissen dient die Tasche mit den Habseligkeiten, der Rollkoffer steht am Kopfende.

Unsichtbar2

Seit ich hier lebe sehe ich die Frau mit den kurzen grauen Haaren an diesem Ort, immer mit der Nacht auftauchend, immer mit der Morgensonne verschwindend. In diesen Tagen schläft sie in einem weißen Unterhemd und einer kurzen Hose, eine Decke braucht man selbst draußen nicht.

Unsichtbar3

*************************

Auch wenn die Unsichtbaren sich im öffentlichen Raum bewegen, habe ich mich entschieden die Privatsphäre der Menschen zu respektieren. Die Fotografien sind in meinem Stadtviertel aufgenommen und digital bearbeitet.

Der Artikel macht mit bei der Blogparade von Lydia zum Thema Respekt:
https://lydiaswelt.com/2019/08/27/aufruf-zur-blogparade-zum-thema-respekt/

Goldflüsse auf dem Hügel der Musen

Ist es das Wissen darum, dass diese Strahlen die Letzten des Tages sind, bevor die Sonne verschwindet? Ist es dieses Wissen, ob ihrer Endlichkeit? Was zieht uns am Abendlicht in Bann? Was ist es, dass mich beim Anblick der Abendsonne einen Spur Traurigkeit fühlen lässt? Tagelang liegt Athen in der Hitze und ich steige auf einen Berg, um die letzten Sonnenstrahlen einzufangen, als hätte ich noch nicht genug.

Lichtspiele4

Sind es die Strahlen, die nun nicht mehr heiß brennen, sondern für kurze Zeit rote, flache und warme Schatten werfen?

Lichtspiel3

Auf den Wegen ist rotes Gold verschüttet, auf das ich vorsichtig meine Schritte setze, irgendwie verwundert, dass nichts an meinen Sohlen haften bleibt.

Lichtporträt

Und hier sehe ich mich plötzlich selbst im Flammenschatten oder im Goldfluss.

Lichtspiele 7

In den allerletzten Zügen scheint die Sonne noch einmal ihre volle Farbkraft hervorzuholen, wie zum Beweis, dass es noch nicht vorbei ist. Sie taucht alles in Feuer. Die trockenen Gräser scheinen in Brand gesteckt zu sein, auf den Stämmen flackern Flammen, die Nadeln beginnen schon fast zu knistern. Das letzte Licht lodert noch einmal auf.

lichtspiele8All Abendlich steht der Filopappou Hügel in Sonnenflammen, Menschen ziehen es auf seinen Gipfel, um die Sonne hinter Athen untergehen zu sehen. Die alten Griechen glaubten, dass auf diesem Hügel die neun Musen lebten. Ich kann sie in ihrem Glauben gut verstehen.

Lichtspiel1

Fotografieren heißt schreiben mit Licht. Daran denke ich immer dann, wenn ich mit meiner Kamera losziehe um Bilder einzufangen. Fotografie, ein Wort, das aus dem Griechischen kommt: φῶς heißt Licht, (φωτός im Genitiv), gesprochen wird es Photos und γράφω, grafo bedeutet schreiben und zeichnen.

Lichtspiel67

Nach dem Sonnenuntergang wartet die Sternwarte auf dem Hügel auf den Nachthimmel.

Agistri mit Freddo

Wer die folgenden Zeilen ließt, sollte sich vorsichtshalber gleich einen Eiskaffee bereitstellen und wenn möglich die Zehen in Sand stecken, es kann notfalls auch eine Sandkiste sein.

Ag9

Für Fernweh und sofortige Reiselust übernehme ich keine Verantwortung.

Ag4

In den frühen Morgenstunden, wenn die Strände noch leer sind und die Insel der Sonne noch verschlafen entgegen blinzelt.

Wenn der Sand noch kühl ist, und sich meine Zehen darin vergraben möchten. Wenn die streunenden Katzen sind noch ungefrühstückt sind und den Hunden beim Gassigehen zusehen.

Dann kommt die erste Fähre an.

Ag6

Die morgendliche Fähre spuckt neue Athener aus, die wie ich ihre Zehen in den kühlen Sand stecken möchten.

Sich unter Pinien legen, einmal ganz das Häusermeer vergessen, und den Himmel bestaunen, der hier so anders ist.

Ag1

Sie kommen mit bunten Strandtaschen und Badelatschen, den Bikini schon gleich angezogen, eingehüllt in den Geruch von Sonnenmilch. Sie schwirren aus, holen sich den zweiten* kalten Cappuccino (Freddo) auf Eis zum mitnehmen, schleichen auf Pfaden zu versteckten Stränden im Pinienwald, bauen sich Lager, Sonnensegel und breiten Decken aus. Essen frische Kirschen, die sie noch schnell am Hafen gekauft haben, stecken den Freddo Cappuccino in den Sand, strecken die Beine in die Sonne und warten, bis sie braun werden.

*den ersten Freddo trinkt man bereits an Deck

Ag15

Irgendwann, wenn die Kirschen als Kerne im Sand liegen, und die Reste der Sesamkringel als Krümel daneben, wenn der Magen knurrt und die Sonne zu heiß wird, dann schleichen sie sich wieder ins Dorf zurück.

Ag2

Bei Tasos in der Taverne sind noch Tische im Schatten frei, er spannt ein Papiertuch darüber und stellt kaltes Wasser dazu. Wer wenig Geld hat, isst „Souvlaki ap ola“ (mit allem), wer verliebt ist, sagt „choris kremidi“ (ohne Zwiebel). Zum Nachtisch gibt es Melone in Stücke, ein Geschenk des Hauses. Der Kaffee danach darf nicht fehlen und jetzt schnell zurück zum Strand, um im Schatten den Bauch in Ruhe verdauen zu lassen.

ag78

Die Zeit bis zur letzten Fähre vergeht zu schnell, noch ein letztes Bad, noch einmal in der Sonne trocknen um dann mit Salzresten auf der Haut, auf Badelatschen durch den Pinienwald zu rennen, durchs Dorf, Tasos zum Abschied zu winken, gerade noch die Fähre zu erwischen.

Ag10

Sie strömen an Deck, lehnen übers Geländer, sehen zu wie die Insel immer kleiner am Horizont verschwindet und dann Athen als Lichtermeer am anderen Horizont erscheint.

******************************************************

Die Insel Agistri ist vor allem bei Studierenden aus Athen beliebt, weil man so einfach am Wochenende schnell hin fahren kann. Manche übernachten eine Nacht und legen sich an einen der abgelegenen Strände, manche schlagen kurz ein Zelt auf, und manche schlagen sich so den ganzen Sommer über durch. Wer die Insel erkunden möchte, leiht sich ein Fahrrad, oder nimmt den Bus, der zu anderen Stränden fährt. Außer den Hafenörtchen gibt es Pinienwald, Strände und einen Himmel, der sich darüber spannt und einen vergessen lässt, dass Athen nur zwei Stunden entfernt liegt.

ag7

****** Tipps für Reiselustige ********

Agistri ist mehrmals täglich aus Athen per Fähre zu erreichen. Da die schönsten Strände kaum Schatten haben, empfiehlt es sich einen Sonnenschirm mitzunehmen, oder an einen der Strände am Hafenörtchen zu gehen. Per Bus kann man auch den Strand Aponisos erreichen, hier gibt es einen Bereich mit Sonnenschirmen und eine kleine Taverne.

Ag13

Wer hat diese Wolken getanzt?

Unter dem Himmel spannt sich ein Meer, dessen Wellen so glatt sind, dass ich fürchte unser Boot zerschneide ein feines Tuch. Der Himmel wölbt sich und hat für uns Gemälde gemalt. Sie spiegeln sich auf der glatten See wider. Wolken wie getanzt, wie aus einer Feder gezogen, wie gehaucht. Die Inseln liegen bedächtig staunend darunter, schlafend und türkis träumend.

WH7

WH2

Ich versinke, mein Blick taucht ins farbige Wasser, weiße Gischt schäumt neben unserem Boot bis eine Möwe mich aus meiner Versunkenheit weckt. Das Wasser unter ihr wird zum Himmel, vor dem sie gleitet, begleitet vom Wellenspiel, bis mir schwindelt.

WH6

WH3

WH5

Wir legen an. Auf der Insel scheint es nur den Himmel zu geben, und ringsherum das Meer. So weit ich auch gehe, ich sehe um die nächste Bucht nur wieder Meer, in alle Farben getaucht.

WHS8

Ich laufe zum Sonnenuntergang, der nur um eine Biegung weiter passiert. Schneller als ich es mir wünsche, fällt die Sonne ins Meer und hinterlässt ihre goldenen Schlieren als letzten Gruß. Dachte ich. Aber die Malerei des Himmels ist damit noch nicht zu ende.

WH9

WH11

WH10

Jetzt werden Pasteltöne aufgezogen, sanftes Violett aus den Bergen hervorgezogen.

WH12

Ich verneige mich. Erst als das letzte Bunt zu sehen ist, zünden die Menschen ihre Lichter an. Und wieder ist es das Meer, das diese Lichter widerspiegeln darf. Ich werde nicht müde zu sehen.

WH13

********************

Die Wolkenmalereien habe ich auf der Fahrt von Athen über den Saronischen Golf nach Agistri eingefangen. Auf Agistri bin ich an Land gegangen und durfte die Sonne bestaunen. Agistri ist eine kleine Saronische Insel, die zwei Stunden von Athen entfernt liegt. Weil sie nur 14m² groß ist, sind der Himmel und das Meer zwei ständige Begleiter.

WH1

Ausschwärmen

Wenn in die schmalen Gassen die Schatten fallen, das Sonnenlicht sich nur noch auf manchen Fassaden bricht, wenn kleine, bunte Lichter die Eingänge erhellen, dann wagen wir uns hinaus.

PAME

Hinaus in die Abendwärme, hinein in die Gassen, aus denen Stimmen klingen und Gläser klirren, Moskitos schwirren und sich Touristen mit Strohhüten verirren.

Psiristr

In Schwärmen fliegen wir aus, auf der Suche nach Laternen, setzen uns auf bemalte Metallstühle, auf gemusterte Kissen, lassen uns kaltes Wasser in Karaffen bringen, zünden Zigaretten an, bestellen bunte Flüssigkeiten auf Eiswürfeln, schlagen die Beine übereinander, legen unsere Sonnenbrillen ab, rufen uns zu, lachen laut, schauen uns um, lehnen uns zurück, und loben den Sommer.

psirifasade

psiridosgardenias

psirivolta

psirikleider

********************************

Die Fotografien sind in dem Stadtviertel „Psiri“ entstanden, welches zentral in Athen liegt und eine unzählige Fülle an Bars, Cafés und Tavernen birgt. Mit dem Sonnenuntergang füllt sich das Viertel und bleibt bis in die Nacht hinein von Stimmen erfüllt.

Psirilicht

Wer immer nach Athen kommt und „Psiri“ besucht, dem rate ich auf der Platia einen Kuchen bei Nancy Σερμπετόσπιτο zu bestellen, und wer einen Eindruck in die alternative Kulturszene bekommen will, kann sich das selbstverwaltete Theater „Embros“ ansehen (Riga Palamidou 2 ), in dem fast täglich Veranstaltungen stattfinden. Ansonsten rate ich euch, wie immer, sich einfach mitten in die Stadt und in das Gemenge zu werfen und selbst neue Mosaiksteine zu entdecken.

Psirigirlade