Wenn die Unsichtbaren sichtbar werden

Wenn sich die Straßen Athens in der Hitze leeren, werden die Unsichtbaren sichtbar. Sie treten hervor, aus der nun verschwunden Masse. Ihre Blicke sind zu Boden gerichtet, als gehöre ihnen der Anblick darüber nicht, als gehöre ihnen die Luft darüber nicht. Ihre dunkle Kleidung ist Teil ihrer Körpers geworden. Zurückgelassene des Sommers.

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Jetzt, da alle mit Geld oder Glück ans Meer gefahren sind, bleiben nur die übrig, die weder Geld noch Glück haben.

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In den leeren Straßen, kommen ihre Lagerstätten zum Vorschein. Ihre wenigen Habseligkeiten gebündelt, in einer Gassenecke ein Zuhause improvisiert. Ein mit unerwarteter Sorgfalt geordnete Betten auf Karton, darüber gefaltet zerschlissenen Decken. Schuhe ordentlich am Fußende angeordnet, daneben Bücher und Flaschen mit Wasser.

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Rücken an Hauswände gelehnt, Schweiß perlt, nackte Waden auf den Asphalt gestreckt, ein Pappbecher mit einzelnen Münzen an berühren Fußspitzen.

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An Platias mit stolzen Namen tummeln sich die Übriggebliebenen: Bei Viktoria sitzen Menschen auf roten Bänken, Hände in den Schoß gelegt, eingehüllt in ein Sprachgewirr aus Arabisch, Farsi, Urdu, Griechisch, Englisch. Kinder sausen auf alten Rollern darum herum, Sonnenblumenkerne fallen zu Boden, Schatten fallen darüber, in die sich die Menschen dankbar legen.

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Im Schutz belebter Straßen wird Nachts wird die Kühle genossen, Decken werden ausgerollt, verlassene Hauseingänge werden zum neuen Zuhause, vor dem Einschlafen wird im Laternenlicht noch Zeitung gelesen.

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Metallsammler mit ihren Familien bereiten sich auf Pick-up Ladeflächen auf die Nachtruhe vor. Auf dem Wäscheständer davor trocknen Kindersachen neben BHs und Unterhosen. An der Rückwand der Fahrerkabine hängt ein ausgeschalteter Flachbildschirm.

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Ein Papiersammler lehnt an seinen eisernen Wagen voll gesammelter Kartons, streckt die angeschwollenen Beine von sich, nimmt einen großen Schluck Wasser und schließt die Augen.

Eine andere Frau mit kurzen grauen Haaren legt sich wie jede Nacht auf die Bank an der Bushaltestelle. Als Kissen dient die Tasche mit den Habseligkeiten, der Rollkoffer steht am Kopfende.

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Seit ich hier lebe sehe ich die Frau mit den kurzen grauen Haaren an diesem Ort, immer mit der Nacht auftauchend, immer mit der Morgensonne verschwindend. In diesen Tagen schläft sie in einem weißen Unterhemd und einer kurzen Hose, eine Decke braucht man selbst draußen nicht.

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Auch wenn die Unsichtbaren sich im öffentlichen Raum bewegen, habe ich mich entschieden die Privatsphäre der Menschen zu respektieren. Die Fotografien sind in meinem Stadtviertel aufgenommen und digital bearbeitet.

Der Artikel macht mit bei der Blogparade von Lydia zum Thema Respekt:
https://lydiaswelt.com/2019/08/27/aufruf-zur-blogparade-zum-thema-respekt/