In einem Himmelsspalt

Ich hatte Heimweh nach Herbst. Nach Tau am Morgen, nach süßlicher Luft, nach frischen Wind, und nach dem Wunsch sich auf ein warmes Zuhause zu freuen, nach einem Tag unter Wolken.

In Athen scheint die Sonne, und da es kein Laub zum buntwerden gibt, beschloss ich dorthin zu fahren, wo sich in Griechenland der Herbst versteckt. Mein Weg führt nach Evritania, in den Schwarzwald Griechenlands.

MikroChorio

Tannen. Tannen. Und Tannen. Berge, deren Gipfel von Wolken gefressen werden.

Statt Laub fallen Steinbrocken von den Berghängen. Die Temperatur ist mindestens zehn Grad kälter als in Athen, die Frische tut gut.

Hütte

Wir fahren durch Dörfer mit Häusern aus Stein, und Äpfeln an den Bäumen. Menschen sehen wir selten. Magere Kühe grasen an der Böschung, Ziegenherden haben sich ganz auf der Straße niedergelassen, der Hund putzt sich in aller Seelenruhe.

Ziegenherde

Kuh

Wir halten an, es erklingt kein Geräusch, außer dem Wind in den Bäumen. Bis auf die Asphaltstraße fehlt oft jedes Anzeichen von Zivilisation. Und die Denkmäler an die Besatzung sind oft die einzigen Stellen, die an das Vorhandensein der Menschheit erinnern.

DenkmalDenkmal an den ersten Kampf zwischen den griechischen Widerstandskämpfern und den Besetzungsmachte Italien, 1942

LurchiEin Feuersalamander kreuzt unseren Weg

Bis irgendwann malerische Dörfer auftauchen, mit Schildern von Ferienhäusern und kleinen Läden mit traditionellen Produkten. Wir haben „Megalo Chorio“ erreicht, ein touristisches Örtchen, das unter der Woche schläft, bis es am Wochenenden von großen Reisebussen aufgeweckt wird.

Megalo Chorio AMegalo chorio

Dann strömen die Menschen aus den hier genannten „Pullmanns“ (Reisebussen) in Scharen aus, schwirren in die Gassen, kaufen in Großpackungen Bergkäse, Bergkräuter und selbstgemachte Nudeln, trinken einen Kaffee auf der Terrasse mit Aussicht und wenn sie Glück haben, ist das Bergpanorama nicht von Wolken verhangen.

Souvenier

Dann schiebt sich der Bus weiter, zur eigentlichen touristischen Attraktion der Region: „Prousso“. Ich frage mich wirklich, wie die Busfahrer das meistern, denn schon für unser Auto wird es oft eng.

Steinbrocken

Die Straßen fallen steil ab, die Berge sind mit Netzen gestützt, und dennoch liegt die Straße voller Geröll, es fahren sogar mehrmals täglich Räumfahrzeuge, um die Steine zur Seite zu schieben. Inmitten dieser unwegsamen Landschaft, an Felsen gepresst, dem Abgrund schwindelerregend nahe, kann nur ein Kloster liegen. Der Glockenturm ragt auf einem einsamen Felsen aus dem Tal hervor, die Griechen sagen, wer bisher nicht an die Mutter Gottes geglaubt hat, tut das spätestens hier.

Klosterturm

Die gläubigen Griechen pilgern zu dem Kloster Proussos um die Ikone der heiligen Maria (Panagia tis Prousiotissas) zu küssen. Diese sei auf wundersame Weise von Kleinasien an diesem Ort erschienen und hat das Kloster zu einem der wichtigsten Pilgerorte in Griechenland gemacht. Touristen aus anderen Ländern verirren sich hier hin nie. vielleicht haben sie selbst einen Herbst zuhause? Oder küssen keine Madonnen?

KlosterkapelleDie Kapelle von Proussos

Hinter dem Ort Proussos führt ein Wanderweg in eine schmale Schlucht. Bäche durchziehen wie Adern die Täler, darüber spannen sich holzbrücken, Moos schmiegt sich an die Erde, und je höher wir kommen, desto felsiger wird es. Gepresste Steine in tausenden Schichten, aus denen wie ein Wunder noch Pflanzen sprießen. Der Himmel über mir nur noch ein Spalt, meine Brust wird eng.

SpaltBlick vom Felsvorsprung aus

Oben angekommen liegt plötzlich und unerwartet eine Höhle,  Eben in diesem Moment von der Sonne beschienen, die durch den Himmelsspalt hervor spickt. In den Felsvorsprung hineingebaut verbirgt sich eine Festung, die während der Besatzung genutzt wurde und deren Inneres in eine Höhle mündet. Nur durch abtrünnige Pfade zu erreichen, in schwindelerregender Höhe, umgeben von dichtem Gestein, mit Blick auf einen Spalt Himmel durch den sie Sonne ihre Strahlen schickt.

HöhleMavri Spilia (Schwarze Höhle)

Ich lasse mich sprachlos nieder.

21 Kommentare zu „In einem Himmelsspalt

      1. Ja, den Atem anhalten und staunen! So IßT es wohl, wenn einMensch in so einen Wundersam der Natur eintritt, allein und still und andachtsvoll…Da auf einmal ist es so, als sähen und hörten wir Niegesehenes, Niegehörtes 👀👂👃🌿🌸⛅🌈 Und wir ahnen, spüren etwas „Neues“, jedenfalls für uns Menschen „Neues“…. Ich wünsche noch viel wundersame Begegnungen auf diesen leisen Pfaden im Reiche der Naturwesen! 🐝🐞🐇🐥

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  1. Guten Abend Julia, es ist immer wieder schön zu lesen, wie Du mit den Wörtern spielst und dazu auch noch stimmungsvolle Bilder schaffst. Ja, der Herbst will dieses Jahr im Süden nicht kommen, der Schirokko schafft Wärme und Feuchte heran, das Thermometer steigt hier auf Sardinien bis fast 30°. So ein paar Tage Herbst wie zu Hause wäre gut, doch dann hängt der Nebel und die Kälte wochenlang in den Kleidern; dann doch lieber Sonne und Wärme. Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

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