Die grüne Linie – einmal quer durch Athen

In Athen kennen sie alle, die berühmt-berüchtigte „grüne Linie“ oder „Elektrikos“ genannt, die Straßenbahn, die den Süden Athens mit dem Norden verbindet. Hier ereignen sich tagtäglich Dramen und Komödien, hier finden sich die kuriosesten Gestalten zusammen, Musiker geben in Minikonzerten in Können zum Besten, Bettler leiern ihre Verse, und Fahrräder pressen sich ins letzte Abteil. Ein Blogbeitrag zu Ullis Blogparade „Alltag“.

AthenvonObenHier muss der Verkehr irgendwie durch

Eine kleine Reise quer durch Athen, von Piräus nach Kifisia, vom Meer in die Berge:

Hinter dem Hafen von Piräus warten die Waggons am Bahnsteig, ihre Haut lückenlos überzogen von Graffiti und Farbresten, nur die Fenster sind frei gekratzt, innen setzen sich die Schriftzüge weiter fort.

Piräus-grüne LinieHafen von Piräus

Mit einem kurzen Zischen öffnen sich die Türen, bereit ihre Ladung aufzunehmen. Braungebrannte Touristen, frisch erholt vom Inselurlaub, steigen in die Bahn, Sonnenmilchgeruch liegt in der Luft, Salzränder auf der Haut.

Attiki

Der Zug schiebt sich aus dem lärmenden Hafenort hinaus, durch die ruhigen Nachbarschaft Kallithea, vorbei an Wochenmärkten, an Fahrradwegen entlang. In Petralona steigen erste Bettler ein, jeder hat seinen Spruch, fasst in lauten kurzen Worten sein Leiden zusammen, zeigt geschundene Körperteile oder seinen griechischen Pass. Manche verkaufen Taschentücher oder Stifte mit einem Block.

A-Tunnel

Die Bahn nähert sich dem Zentrum, in Thissio steigen Touristen aus, um zur Akropolis zu schlendern, Straßenverkäufer zwängen sich mit kleinen Wägen ein, auf denen sie ihren Stand zusammengeschnürt transportieren. Es wird langsam richtig voll.

Ausgrabung

Die Bahn durchquert Ausgrabungen, auf denen sich Katzen putzen, fährt durch Tunnels, über denen Hütchenspieler tricksen, bis zum Monastiraki Platz, von dem Hakunamatata Rufe erklingen.

Grünelinie2

In „Monastiraki“ beginnt das wirkliche Gedränge, viele Menschen wollten raus, noch mehr vollen rein. Verschwitzte Hände fassen an Haltestangen, Fahrräder verkeilen sich mit Kinderwägen, die Fenster werden aufgezogen, es riecht dennoch nach Mensch.

GewürzeMarkt zwischen Monastiraki und Omonia, hier fährt der Zug unterirdisch

An der unterirdischen Station „Omonia“ wird das Schauspiel in seiner ganzen Fülle dargestellt: Junkies murmeln mit halb offenen Augen und halten einen leeren Kaffeebecher für Kleingeld ausgestreckt, dazwischen gestikulieren amerikanische Touristen über den Stadtplan, ein Kind plärrt im Baggi, eine Frau verhandelt lautstark am Telefon mit dem Vermieter, daneben knutscht ein Pärchen, ein Opa sucht einen und der Rest wischt und tippt mit Kopfhörern im Ohr an den Handys herum.

UmstiegUmstieg an der Station Attiki

In Viktoria und Agios Nikolaus wird es bunt, Geflüchtete steigen ein und aus, neue Sprachen werden in Handys gerufen, ab Ano Patisia wird es leerer.

Nun kommen die Musiker zum Zug: Gitarristen mit gehäkelten Säckchen am Gitarrenhals schmettern lauthals Schlager, Akkordeonisten spielen Tango, und eine Gypsyband trägt sogar einen Kontrabass mit sich herum.

MoosbodenEirini, Peace and Friendship Stadion

Das Olympiastadion lädt Fahrräder zum Rundendrehen ein, die Waggons werden leerer, und leerer, je weiter sich der Zug in den Norden bewegt. „Epomeni Stasi – next stop“ erklingt aus den Lautsprechern, der Zug ist nun schon seit 24 Stationen unterwegs, wenn es schnell geht, dann sind bis dahin 50 Minuten vergangen. In Kifisia ist die Endstation, hier ist es nun grün und bergig, philippinische Hausangestellte steigen aus, kaufen vielleicht noch was im biologischen Delikatessen Markt, der direkt hinter der Station wartet. Sicherheitsbeamte weisen mich darauf hin, dass das Fotografieren an Stationen nicht gestattet ist.

palmenEirini

Nach einer kurzen Pause fährt der Zug wieder zurück zum Meer.

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Danke an Ulli, die vor einem Jahr diese schöne Idee der monatlichen Blogparade zum Thema „Alltag“ hatte. Die grüne Linie ist fester Bestandteil meines Alltags hier in Athen geworden.

Eine schöne Ergänzung sind sicherlich Gerdas Berichte über die Kunstwerke an den Metrostationen, wie zum Beispiel in Omonia. Aber auch die Zeichnungen, die Gerda in der Metro angefertigt hat.

Gleise

29 Kommentare zu „Die grüne Linie – einmal quer durch Athen

  1. Mein Herzensdank für deinen Beitrag, Julia – der mich nicht nur an meinen kurzen Aufenthalt in Athen letzten Februar/März erinnert hat, mehr noch an die berühmt berüchtigte Linie 1 in Berlin, die heute nicht mehr so heisst, aber von ihrem buntem Innen- und Aussenleben nichts eingebüsst hat, eher ist es noch bunter geworden, sprachenvielfältiger. Nur ein Hafen fehlt.
    Tolle Bilder hast du dazu gemacht, das letzte ist besonders spannend, wenn ich vor und zurück scrawle, kommt Bewegung ins Ganze.
    Liebe Grüsse
    Ulli

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  2. danke dir für diese schöne Hommage an unser Elektriko! Soo pittoresk wie du es beschreibst, finde ich es ja nicht. Insgesamt ist es doch ein recht normales Völkergemisch, was sich da in den Waggons drängt, die seit ein paar Jahren sogar klimatisiert sind. Und die Bahnhöfe sind sauber, Kunstwerke erinnern an jeder Station an die besondere Geschichte des Stadtteils. Du hättest die Bahn mal vor der Renovierung sehen sollen! Aber natürlich ist die Zusammensetzung der Passagiere bunter als auf der Metro-Strecke.

    Gefällt 1 Person

  3. Ach wie schön, daß ich nun diese Spur (wieder)fand! Soooo eine Farbenfreude! Solche Aus-und Ein-Und Überblicke! Unglaublich!
    Blauer Schatten, doch Gold auf den Geleisen! Dabei ist es nur gewöhnlicher Schotter und die Schienen. Doch so übergoldet, sind es
    Ungeahnte Traumwelten! Auf den rechten Moment kommt es an, und auf den liebevollen Blick, verbunden mit dem Herzen, daß
    Freude weitergeben möchte und Schönheit in der Armut und Dürftigkeit entdeckt! Wieder so ein hoffnungsvoller Lichtblick, der die Seele beflügeltmund,uns wieder an den Sinn des Lebens glauben läßt und auch: Daß es Lösungen gibt in schwierigen Situationen. Was sagte gestern jemand? „Probleme sind Lösungen in der Warteschlange“. Das hat mir gefallen.😊

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    1. Danke, kürzlich habe ich erfahren, dass ich mit dieser Idee nicht allein bin. Petros Markaris hat genau über diese grüne Linie das Buch „Quer durch Athen“ geschrieben. Ich bin gerade bei den ersten Kapiteln, ich lese es natürlich in der Bahn!

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