Der große Freitag in Griechenland

Die Glocken der über das Land verstreuten Kirchen schlagen vereinzelte Töne, um dann wieder für eine lange Pause zu verstummen. Über der Insel liegt eine schwere Stimmung. An den Abenden gehen die Menschen in die Kirchen, deren Türen immer offen stehen und gedenken der Kreuzigung.

Ostern, und somit auch die Karwoche, werden in Griechenland nach orthodoxer Tradition nicht immer zeitgleich mit dem katholischen oder evangelischem Ostern gefeiert, sondern dieses Jahr eine Woche später. Ich bin wieder einmal nach Andros gereist, um die Feiertage dort zu erleben.

20190426_123939

Aus den kleinen Dorfkirchen in den Bergen klingen Gesänge aus den Lautsprechern und werden vom Wind über das Tal gestreut. Sie mischen sich mit dem Meereswind und den Glocken.

In der Kirche schmücken alle gemeinsam einen symbolischen Sarg mit weißen Blüten, und die Kinder zupfen Blütenblätter in einen geflochtenen Korb, Öl aus Jasminblumen wird auf die Handflächen getropft.

Leuchtsarg

Am Karfreitag Abends versammeln sich die Menschen nicht wie an den anderen Tagen dieser heiligen Woche in der Kirche, sondern warten davor. Sie warten vor allen großen Kirchen, bei manchen wartet noch eine kleine Musikkapelle. Es ist Nacht und längst dunkel, als der Pfarrer und einige Männer aus dem Dorf, den mit Blumen geschmückten Sarg aus der Kirche tragen. Sie tragen ihn auf ihren Schultern durch die Gassen, begleitet von Gesängen und Klängen der Kapelle. Wir folgen dicht, und der Sarg leuchtet in den schmalen Gassen. Vor jeder Kirche, die wir passieren, hält der Zug an und der Pfarrer segnet das heilige Haus. Menschen läuten bedächtig mit dicken Seilen die Glocken im Turm.

Gassenlicht

Wir wandern bis ans Meer, welches schwarz unsere Lichter spiegelt. Wir ziehen an Häusern vorbei, vor denen an den Türen Weihrauch auf einer Kohle verbrennt und alle Gassen mit Rauch berauscht. Von manchen Balkonen werfen die Menschen Blütenblätter, die sich in Haare legen und auf unsere Schultern. Allen voran der leuchtende Sarg auf starken Schultern. Und um uns eine Schwere.

Unser Zug kreuzt andere Prozessionen aus den anderen Kirchen, bis sich alle auf dem Hauptplatz versammeln, wo nun die leuchtenden Särge so weit wie möglich in die Höhe gehalten werden.

Danach zieht jede Prozession wieder zum Ausgang zurück, dort wird der Sarg vor dem Kircheingang platziert. Die Menschen werden noch leiser, und der Priester klopft an die verschlossene Kirchentür. „Wer ist dort?“ wird von Innen gerufen. „Ich bin es Christus“ erwidert der Pfarrer. Und nach einem kurzen Dialog, wird die Türe aufgestoßen, und der Priester betritt wieder seine Kirche. Die Wartenden gehen nun unter dem Sarg hindurch, in die Kirche hinein, und hoffen dabei auf Glück.

Sie wünschen sich xronja polla, was „viele Jahre“ bedeutet und gehen nach Hause, den am nächsten Tag steht der große Samstag an.

**********

Die Fotografien sind in Chora und im Kloster Panteleimon auf der Insel Andros entstanden. Um ganz den Moment zu erleben, habe ich diesmal nur wenige Bilder fotografiert. Wer mehr von dieser Stimmung erleben will, dem rate ich Ostern einmal in einer ländlichen Gegend in Griechenland zu feiern, am besten die ganze Karwoche.

Werbeanzeigen

6 Kommentare zu „Der große Freitag in Griechenland

  1. Eine einfühlsame und atmosphärische Beschreibung. Mit Genauigkeit und Seele. Ich finde es berührend, wenn Menschen zusammenkommen, um ihren Glauben, ihre jahrtausend alte Kultur zu erleben und zu feiern. Ich nehme an, die Särge sind ein Symbol für die Grablegung Christi. Eine weise Metapher dafür: wer sich ganz weggibt kann neu wieder auferstehen. Diese Rituale empfinde ich als gelebte Spiritualität. Zu fühlen, dass etwas Größeres da ist, als mein Gedankenkonstruktionen sich ausmalen. Und wieder die Insel Andros. Jetzt werde ich wirklich neugierig, den Ort zu entdecken.

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke für diesen schönen Kommentar. Ja, hier sind die religiösen Bräuche noch sehr in den Alltag integriert, und werden von alt und jung gelebt, ohne dabei an Tiefe zu verlieren. Ich hatte das Gefühl, dass in der Karwoche wirklich durch etwas durchgegangen wird, oder sich weggegeben wird.
      Und Andros hat mich auch völlig in Bann gezogen, da fällt der Abschied jedes mal schwerer.

      Gefällt 1 Person

  2. Danke, Julia, für diesen schönen Bericht und die Bilder. wir gehen jedes Mal zu einem sehr kleinen Kloster hier in der Mani, vier Mönche gibt es. Es ist ein ganz besonderer Ort, einsam, aber an einem solchen Abend kommen doch viele Menschen. Alle sind sehr still, jeder nimmt eine große gelbe Kerze, das ist die einzige Beleuchtung. Die Liturgie findet drinnen und draußen statt, stark am Athos orientiert. In dieser Atmosphäre versuche ich einen Zugang zum christlichen Mysterium zu gewinnen, was mir nur selten ein wenig gelingt. Aber etwas wirkt nach, vertieft sich. .

    Gefällt 1 Person

    1. Danke Gerda, was du beschreibst klingt auch nach einem sehr schönen Osterfest, die Stimmung in den griechischen Klöstern ist wirklich besonders. Auf Andros gehe ich immer wieder gern in das Kloster Panteliemon, wo noch drei Mönche leben, die einen immer gern auf eine Portion Spagetti einladen und danach einen wunderbaren griechischen Kaffee zubereiten. Eine schöne Form der Nächstenliebe!

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s