Die Steinwüste rauscht noch immer

Seit nun zwei Jahren lebe ich in Athen. Wie ganz zu Anfang, erklimme ich wieder den höchsten Hügel in der Stadt, den Lofos Lykavitou, um mir einen neuen Überblick zu verschaffen.

kakteenmeer

Vor zwei Jahren habe ich damit das Athenmosaik begonnen: ich bin durch enge Straßen gewandert, habe ein Meer aus Kakteen überquert, habe den Lärm unter mir gelassen, um schließlich ehrfürchtig aber leicht verängstigt auf diese große Stadt unter mir zu blicken. Ich entschied mich trotz aller Furcht zu blieben.

wüste

Heute stehe ich wieder hier und stelle fest: die Steinwüste rauscht noch immer, so wie sie es in den vergangenen 730 Tagen und in allen Tagen davor unaufhörlich getan hat.

Diese Vorstellung noch immer erdrückend, aber wenn ich heute auf das Häusermeer unter mir sehe, erkenne ich dort einzelne Mosaiksteine, die zuerst wie Pixel scheinen. Ich blicke auf Straßenschluchten, in denen ich mich zu bewegen gelernt habe, sehe Kirchenkuppeln, deren Glockenläuten ich kenne, ahne, wo sich Cafés unter Bäumen verstecken, kann mit dem Finger in eine grobe Richtung zeigen und sagen, hier wohne ich und werde wohl noch eine Weile bleiben.

wc3bcsteninseln

Ich gehe in die kleine weiße Kapelle und zünde eine Kerze an. Auf der Gebetsbank, den Rücken an die bemalte Kirchenwand angelehnt, sitzt eine alte Frau, mit einem sonnengebräunten Gesicht voller Falten, ihre Füße berühren beim Sitzen den Boden nicht. Sie sieht mir zu, wie sich das Licht entfacht.

kapelle

In der Ferne thront zuverlässig die Akropolis, in gelassener Zerbrechlichkeit, die mich manchmal bang werden lässt. Dahinter erstreckt sich das geliebte Meer, sogar die Inseln kann ich erkennen, und das Winterlicht scheint in hellem Gold mit einer Prise Silber.

ausblick

Vor der Kapelle verkauft ein Mann noch immer Fanta in Dosen, eine Katze schläft auf einer Kiste, Touristen machen Selfies und unter uns rauscht die Stadt – manche Dinge ändern sich nie.

Meine allerersten Artikel im Mosaik könnt ihr hier „Rauschenden Steinwüste“ und hier „unter mir“ nachlesen.

häusermeer

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20 Kommentare zu „Die Steinwüste rauscht noch immer

  1. Eine ganz neue Perspektive zeigst du (mir) heute auf diese große Stadt. Atemberaubend, das erste Bild mit der Akropolis! Toll. Ja, bleib noch eine Weile, ich werde nicht müde diese Stadt und die Umgebung durch deine Augen zu betrachten.
    herzliche Grüße
    Ulli

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    1. Danke dir Ulli, ich sehe die Stadt ja auch mit anderen Augen, weil ich dabei oft denke, wie ich sie euch später beschreibe. Und mich dann mit euch freue, wenn es euch gefällt. Das ist ja das schöne am Bloggen, man kann andere in neue Welten entführen und selbst entführt werden!

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    1. Danke dir! Wenn ich ehrlich bin, hatte ich die Steinwüste auch gar nicht mehr so mächtig in Erinnerung. Wenn man sich im Häusermeer bewegt, sieht man ja meist immer nur ein kleines Fleckchen. Zum Glück vielleicht..

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  2. Deine Gefühle der Stadt gegenüber, fast so wie bei einem „echten Gegenüber“, eines Organismus.
    So wie Du schriebst, erinnert mich das an ein Büchlein aus den Siebzigern, in dem es um Gefühle Deutschland gegenüber ging. Fast vergessen, diese Art Literatur.

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  3. Ich bin mal wieder total begeistert!! Ich liebe deinen Blog 🙂

    Morgen fliegen wir nach Athen. Sagst du mir, auf welchen Hügel du da warst? Vielleicht – vielleicht treten wir in deine Fußstapfen, wenn es das Wetter zulässt oder wir nicht zu weit laufen müssen.
    Ganz liebe Grüße, polla filakia!
    Suse

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    1. Liebe Suse, dass freut mich! Der Hügel ist der höchste in Athen und heisst Likavitou oder auch Lykavittos geschrieben. Es lohnt sich auf jeden Fall den Aufstieg zu wagen. Von der Metro Station Panepistimio dauert der Anstieg eine halbe Stunde, und führt immer nach oben durch den Stadtteil Kolonaki. Am einfachsten ist der Weg wenn ihr von der Station Panepistimio ein paar Blöcke auf der gleichnamigen Straße Richtung Syntagma geht. Bis ihr linker Hand die Straße Amerikis seht, dieser folgt ihr, sie wird dann zur Likavittou und endet genau bei dem Fußweg, der sich den Hügel nach oben windet.
      Beim Abstieg könnt ihr dann durch Exarchia gehen, wenn ihr euch eher rechts haltet.
      Gute Reise!

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      1. Heute habe ich den Balkon mit den bunten Bändern gesehen. Da musste ich sofort an dich denken😊
        Danke für deine Anfrage. Habe Probleme mit dem annehmen, mache ich dann wenn ich wieder zu Hause bin.😊

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  4. Ich bin gerade am neue Blogs entdekcen, da ich noch sehr frisch auf wordpress bin und bin auf deinen gestoßen. Die Beschreibung von deinem ersten Eindruck von Athen erinnert mich an meinen ersten Besuch in dieser Großstadt. Für mich war sie laut und groß und unübersichtlich, aber schon nach einigen Tagen habe ich ein wenig Struktur gesehenu nd ein Blick für das Schöne etnwickelt. Es war sicher nicht mein letzter Besuch in Athen und ich freue mich richtig deinen Blog gefunden zu haben. ❤
    Liebe Grüße,
    Siv

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  5. Hallo Julia, dieser Anblick der Stadt oben vom Lykavittos aus ist ja schlichtweg überwältigend! Besonders schön wird es, wenn im Hintergrund zusätzlich die Akropolis auftaucht, das Meer glitzert… Was für eine Ergänzung, die das Bild – oder meine Vision – von Athen sozusagen vollständig macht.
    Wenn ich die sagenhafte Menge von Häusern und Straßen sehe … kennt man sich da nach zwei Jahren schon aus? Sind es einzelne Mosaikteilchen, die herausgepickt werden beim Erkunden oder schafft man es während eines Streifzugs, immer gleich vier, fünf passenden Puzzleteile zu verbinden, eine Fläche zu sehen? Es ist spannend!
    Ich habe nur einmal kurz in Athen übernachtet. Durch einen ungewollten Aufenthalt auf einem Militärflughafen kam ich zu spät in Athen an, um meine Fähre ab Piräeus zu erreichen, landete daher in einem Hotel in der Hauptstadt, doch am nächsten Mittag ging es bereits weiter.
    Allerdings hatte ich von der Dachterrasse jenes Hotels auch einen Panoramablick über Athen – woran ich mich eben gerade erinnerte, als deine grandiosen Fotos hier für mich auftauchten. ^^

    LG Michèle

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    1. Danke für deine schönen Worte Michele! Es freut mich, wenn ich deine Erinnerung auffrischen konnte!
      Nach zwei Jahren kann ich mich relativ gut orientieren, vermutlich weil ich in vielen verschiedenen Stadtteilen unterwegs bin, und auch oft mit dem Rad oder zu Fuß. Ich muss aber auch gestehen, dass manche Vororte komplett blinde Flecken sind.
      Da die Häuser selten über 7 Stockwerke reichen, und Athen von Bergen umgeben ist auf die man hinaufsteigen kann, habe ich den Blick schon von verschiedenen Seiten genossen – das hilft beim orientieren. Aber wie gesagt, wenn man einmal drin ist im Gewusel, vergisst man zum Glück wie groß alles ist.
      Vielleicht kommst du ja auch noch mal in den Genuss dieser Aussicht? Lieben Gruß von mittendrin, Julia

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